4.3 - Auf Messers Schneide.. Part 1

 - TEDD -

 

     Es gibt so viele Definitionen von Liebe.     

 

    Mit beflügelten Worten und Blumensprache versuchen Dichter und Schriftsteller seit eh und je das Urprinzip dieses komplizierten Gefühls den Menschen zu erklären.. es ihnen näher zu bringen.. immer ausgefallener, immer verrückter, manchmal auf eine Art und Weise, die sich dem menschlichen Verstand entzieht.. Ich habe es zum Beispiel nie verstanden, wieso in so vielen Comics, die Kou so gern liest (diese schwarzweißen Schwulenstorys mit einem gewissen Pornoinhalt, ihr wisst, was ich meine..) Sterne und Blumen auftauchen, wenn man einer geliebten Person gegenüber steht, oder sie in die Arme nimmt. Ich verstehe auch nicht, wieso man die Farben rot oder pink mit der Liebe assoziiert. Oder wieso Liebe mit Schokolade verglichen wird (ein Körper schmeckt immerhin ganz anders als eine Mischung von Butter, Zucker und Kakao). Wieso man Frauen Blumen schenkt und dazu diese altbekannten Floskeln plappert: Du bist so schön wie eine Blume!
     Ich bin kein Schriftsteller. Ich habe wenig Fantasie, um das was ich fühle, aufs Papier zu bringen, egal in welcher Form. Ich kann mit Worten nicht so umgehen, wie es die Leute um mich herum gerne hätten. Jedes Mal, wenn ich ein Lied geschrieben habe, habe ich mich damit dermaßen abgeplagt, dass es im Nachhinein für mich jegliche Bedeutung verloren hatte. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, wieso ich nie mehr als ein Lied pro Jahr verfasst habe. Auf Sieben bin ich zwar immer noch ein wenig stolz, aber die wahre Natur von dem Lied liegt in der Melodie, dem einzigen Mittel eines Künstlers, durch das ich mich ausdrücken kann. Aber diese Musik, die mein Innerstes widerhallt, könnt ihr beim Lesen weder hören noch fühlen (es sei denn, ihr habt euch meine Platten gekauft und legt sie bei diesem Schwachsinn, den ich hier zu produzieren versuche, auf). Wenn ich schreibe, bin ich nun mal auf meine beschränkte Wortwahl angewiesen.


      Ich liebe.


     Ich liebe so stark und so intensiv, dass ich manchmal fühle, wie die kleinen Liebespartikel (ob sie nun Schmetterlings- oder Blümchenformen haben), die in meinem Herzen mit jedem Schlag entstehen, durch meine Adern wandern und bis zu den Zehenspitzen gepumpt werden. Es dauert bei mir nicht lange, bis ich mich wie ein Luftballon fühle, der jeden Augenblick zu platzen droht, so dass ich das dringende Bedürfnis habe, die Luft rauszulassen. Ich habe nämlich Angst davor, was wohl mit mir passieren würde, wenn ich es nicht täte. Ob ich dann platzen würde? (An dieser Stelle stelle ich mir gerade deutlich vor, wie ich explodiere. Meine Körperteile verwandeln sich in zigtausend Schmetterlinge und flattern total verwirrt umher. Pfffrt.. Wie in einem Comic.. )

     Ich habe noch NIE so etwas gefühlt. Kein Mensch, kein Mann, keine Frau hat so etwas bei mir bewirkt. Wenn das, was ich fühle, Liebe ist (was ich nun mal glaube), dann habe ich auch nie einen anderen Menschen geliebt. Sicher, ich liebe meine Geschwister, ich liebe Selma und Katie.. aber das ist ja nicht die Art von Liebe, die man so gern mit "Gipfel der Gefühle" bezeichnet. Zu meiner Schande muss ich zugeben, dass ich selbst in meiner kurzen Zeit mit Norio diese Intensität, diese innere Verbundenheit, das panische Gefühl, ausrasten zu können, wenn der geliebte Mensch sich auch nur einige Minuten verspätet, niemals verspürt hatte. Ich schäme mich dafür, dass ich nicht in der Lage war, mein Herz für Norio so weit zu öffnen; doch gleichzeitig weiß ich, dass mir sonst dieses einzigartige Gefühl, das nur für seinen Bruder existiert, verborgen bliebe.. so hoffe ich darauf, dass Norio mir eines Tages verzeihen kann, dass ich in unsere kurze Beziehung (oder was immer es auch war) nicht so viel investieren konnte, wie er.
     Die Beziehung mit Norio war für mich das beste Beispiel dafür, wie leicht Hass zu Liebe werden kann.. wie schnell man schlechte Erinnerungen vergessen und böse Taten vergeben kann. Norio hatte mich schließlich 3 Jahre über nur geärgert, aufgezogen, ignoriert und öffentlich gedemütigt (ja, okay, ich stand ihm im nichts nach). Aber als er mich später, nach dem verpatzten ersten Anlauf mit Kou getröstet hatte, war es mir egal, was zwischen uns in der Vergangenheit passiert war. Es lag hinter uns.. und wurde langsam vergessen.
     Ich vergesse gern Sachen, die mich traurig machen.. Es scheint eine Art Schutzreflex zu sein. Anders könnte ich es mit einem Mann wie Kou gar nicht aushalten.


     Kou.


     Mein Wort für Liebe.
     Meine Definition von glücklich sein. Meine Vorstellung von der Zukunft.
     Alles, was mich ausmacht, ist er. Alles, was ich fühle, ist er. Alles, was ich sehe, ist er.
    Es ist so natürlich, auf diese Weise zu fühlen. Und doch.. musste ich es aussprechen, oder nieder schreiben, damit es mir bewusst wurde.


     Mein. Mein. Mein. Mein. Mein. Mein.. Mein allein.


    Nach dem Grund zu fragen, wieso ich ihn nun mal so sehr liebte, wäre sinnlos.. So etwas zu tun, würde bedeuten, unbewusst die Kehrseite der Medaille aufzudecken und nach Sachen zu suchen, wegen denen ich ihn eben nicht lieben sollte. Diese Kehrseite existiert für mich nicht, selbst wenn dort all die Sachen eingraviert wären, die ich durchmachen musste, seit er mich mithilfe seines Vertrags an sich gebunden hatte, könnte ich sie nicht finden, egal wie oft ich die Medaille in der Hand herumdrehen würde.
     Alles, was Kou tat, war mit Liebe unterlegt. Es hat mir lange gedauert, um dahinter zu kommen. (Ich musste auch etliche Sachen Revue passieren lassen, um das herauszufinden.) Das gleiche Gefühl, welches mich mit Glück erfüllte und all meine Barrieren brach, so dass ich frei dazu stehen konnte, schnürte ihm die Kehle zu. Ich war froh, endlich einen Menschen gefunden zu haben, den ich lieben konnte und er hatte Angst davor. Er konnte es nicht frei zeigen, sein Fluch war, dass es in jeder Etappe unserer gemeinsamen Zeit etwas anderes gab, das ihn daran hinderte. Zuerst verletzter Stolz, dann Missverständnisse, Erpressung, meine Unfähigkeit ihm zu vertrauen, danach Trauer, Ärger, Angst.. Das alles mischte sich unwillkürlich mit seiner Vorstellung von Rache, die er an mir durchführen wollte.. und sie letztendlich doch nie zu Ende bringen konnte.. weil seine Liebe, die er immer wieder zur Seite geschoben hatte, einfach da war.. und es ihm nicht erlaubt hatte.


    Ich war oft sauer auf ihn.. ja sogar wütend, zornig, bockig, ich wollte ihn hauen, schlagen, windelweich prügeln, irgendwo einsperren und ihn mit fettigen Speisen füttern, um diese bescheuerten fettfreien Drinks und Jogurts nicht mehr sehen zu müssen.. Aber ich könnte nicht mehr ohne ihn sein. Ich würde der Liebe in ihrer wahrsten Form nicht noch einmal begegnen. Das, was Kou vor mir so gut versteckt; das, was ich mit größter Freude nach und nach in jedem noch so kleinen Detail seiner Handlungen entdecke; dieses winzige, schüchterne, ängstliche Lichtlein, das die Kraft besitzt, eine ganze Stadt über Jahre mit Strom zu versorgen und zu erhellen.. das ist für mich die Bezeichnung dessen, was sonst mit Blumen oder Schokolade verglichen wird. Ich kann es weder in Worte fassen, noch es zeichnen. Ich weiß nur, dass es besser als jede Rose duftet und süßer als die hochwertigste Schokolade schmeckt. Ich könnte einfach nicht mehr ohne ihn leben. Ja, auch das ist eine der vielen leeren Floskeln, die zwischen Liebenden ausgetauscht werden..
     .. aber in meinem Fall war es tatsächlich so.

 

     Nun stand ich da.
   Vor der Wohnung des Mannes, der mein Herz zum Singen bringen konnte.. der mir alles bedeutete.. der für mich das Alpha und Omega der Liebe darstellte.. und blickte in die Augen seiner wunderschönen Ehefrau, die mir stolz das Geheimnis von Billy enthüllte.
    Ich war wie vom Blitz getroffen. Es war nicht das erste Mal, dass ich wegen Kou so fühlte.. und es sollte auch nicht das letzte Mal werden. Und dennoch hatte kein Geheimnis, das er bis dahin vor mir verbarg, solch vernichtende Wirkung auf mich. Ich glotzte wie ein Idiot ins Leere. Seine Frau (wie hieß sie nochmal?) redete weiterhin auf mich ein, aber ich hörte kein Wort mehr. In meinem Kopf sauste ein Gedanke herum, der mich mit der plötzlichen Erkenntnis erfüllte, dass ich verloren hatte, noch bevor der Kampf überhaupt anfing. Kou ist für dich verloren! Er wird dich nicht heiraten!! Er kann dich nicht heiraten! Er gehört bereits einem anderen Menschen!!!
     All meine Träume von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm zerfielen in dem Augenblick zu Staub. Irgendwo in mir meldete sich zwar die Hoffnung, dass es nur ein schlechter Scherz war.. ein Aprilscherz.. oder ein Novemberscherz (was auch immer); die Frau war sicher nicht seine Frau, sie war.. eine Putzfrau.. oder eine Bekannte, die mich auf den Arm nehmen wollte.. vielleicht versteckte Kamera.. Gleichzeitig tauchten aber zwischen all den Hoffnungsschimmern kleine dunkle Wolken hervor; ich hörte immer noch Norios Worte im Kopf: "Er ist der falsche Mann für dich!!" und wusste, dass das die Realität war. Kou war verheiratet.. und verheimlichte es vor mir.


     Ich spürte seine Hand auf meiner Schulter und blickte zu ihm auf.

 

     Erklären? Was willst du erklären? Wieso du hier nackt vor deiner Frau stehst und es dir nichts ausmacht? Niemand hat das Recht darauf, dich nackt zu sehen!! Niemand außer mir!! Aber das ist dir wohl egal! Dann erkläre doch weiter! Wie lange wolltest du es noch vor mir geheim halten? Wolltest du es mir überhaupt jemals sagen? Wieso hast du es mir nie gesagt? Wieso hast du mich in dem Glauben gelassen, du wärst frei?
     Das und viel mehr wollte ich heraus schreien. Stattdessen meldete sich mein Instinkt und bevor ich etwas dagegen unternehmen konnte, flog meine Faust hoch und traf Kou am linken Wangenknochen. Er taumelte einige Schritte zurück aber ich sah ihm an, dass er es erwartet hatte. Ja, Kou, der immer alles besser wusste, der meine Reaktionen vorhersehen konnte, das hatte ich total vergessen!
    Der Ärger auf ihn brachte mich zurück und nun hörte ich, dass seine Frau (Gott, allein dieses Wort brachte mein Blut zum Kochen) weiterhin zu mir sprach: "Tedd, nun beruhige dich!"


     Nein, ich wollte mich nicht beruhigen!! Wieso sollte ich mich beruhigen?? Ja, vielleicht war ich Kou nicht wichtig genug, wenn er mich nicht in sein Leben integriert hatte, aber sollte ich das etwa einfach so hinnehmen? Nach allem, was zwischen uns war?
     Ich trat auf ihn zu, um ihn noch einmal (oder mehrmals) zu schlagen.. aus Frust, Ärger, Verzweiflung, was auch immer, ich hatte tausend Gründe, um eine Prügel zu rechtfertigen. Ich dachte auch nicht über den Sinn hinter dem Wort Ehe nach, alles was ich vor Augen hatte, war, dass er mich absichtlich.. und die ganze Zeit über getäuscht hatte. Vor allem aber war ich sauer über die Tatsache, dass er niemals.. NIEMALS mir allein gehört hatte.. und es auch niemals tun würde.
     "Ist gut, Ayaka", hörte ich ihn zu ihr sagen, als sie mich daran hindern wollte, ihm noch näher zu kommen. "Er soll es tun.."

 

    Ich sollte es tun? Was denn? Ihn weiterhin schlagen? Damit ich mich anschließend schlecht fühlte und er mir vorwerfen könnte, dass ich meine Satisfaktion bekommen hätte? Nein, er würde es nicht sagen, aber gerade sein Schweigen und dass er die Prügel wortlos ertragen würde, würde mich quälen. Er durfte nicht alles wieder gut machen, indem er sich einfach von mir grün und blau schlagen ließe!!
    Ich ballte meine Hände zu Fäusten. So kräftig, dass ich spürte, wie sich meine Fingernägel in das Fleisch meiner Handflächen gebohrt hatten. Diesen Gefallen würde ich ihm nicht tun!!


    Ayaka (ich benutze diesen Namen, weil sie nunmal so hieß, auch wenn mir ihr Name erst viel später wieder eingefallen war) stellte sich dennoch zwischen uns. "Nein, er darf dich nicht schlagen! Wir müssen gleich los, du kannst nicht mit blauen Flecken zum Dinner gehen!" Dinner? Was für ein Dinner? Niemand geht hier zu irgendeinem Dinner, verflucht!! Sie drehte sich wieder zu mir um. "Ich weiß, dass es eine große Überraschung für dich ist (gut bemerkt, was war die Frau schlau!), aber heute ist es etwas ungünstig! (Dann hättest du wohl die Klappe halten sollen!!) Wir sind heute zu einem Abendessen verabredet und sind jetzt schon spät dran!"
     Als ob mich das interessieren würde! Aber mein Blick rutschte bei ihren Worten automatisch auf ihr enges, dunkelrotes Kleid. Sie war edel gekleidet, wohl wirklich passend für ein Abendessen mit irgendwelchen reichen Schnöseln.. Ich sah, dass Kou etwas sagen wollte. Ich packte ihn am Arm, zog ihn an mir vorbei und ließ ihn nackt auf dem großen Flur stehen, während ich in die Wohnung sprang und die Tür hinter mir mit einem lauten Krachen zuwarf.

 

     Nun war ich allein mit ihr, und obwohl ich eigentlich nichts anderes als eine Erklärung von ihr wollte (weil ich mit Kou in diesem Moment nicht reden wollte, um ihn nicht gleichzeitig zu erdrosseln), bewegte mich ihr kalter, selbstgefälliger Blick dazu, ihr etwas ganz anderes zu sagen.
    "Kou gehört mir! Es ist mir egal, ob er verheiratet ist! Er ist schwul und ich gebe ihn niemals her!"


    Ich sagte es, als wäre es das Natürlichste auf der ganzen Welt (war es eigentlich auch) und noch während ich sprach, wurde mir klar, dass ich nun, da ich das gesagt hatte, zu meinen Worten stehen musste.. und es auch würde. Meine Gedanken arbeiteten auf Hochtouren. Kous Ehe war nur eine reine Formalität, es konnte nichts anderes sein.. Kou war schwul.. und er liebte mich. Daran zweifelte ich nicht.. immerhin hatte ich mehr als genug Möglichkeiten gehabt, mich dessen zu überzeugen. Was hatte diese Frau vorhin gesagt? Sie wären jetzt elf Jahre verheiratet.. Bei der Zahl musste ich erstmal schlucken, aber zumindest hatte Kou geheiratet bevor er mich getroffen hatte.. Ich rechnete schnell im Kopf nach. Er war 28 Jahre alt, also heiratete er mit siebzehn. Gut, als ICH siebzehn war, war ich im Jugendknast.. vielleicht war es ja unter Japanern üblich, so früh zu heiraten.. Einige Jahre später fand er dann höchstwahrscheinlich heraus, dass er nun mal schwul war.. er traf Simon und dann mich.. und der Rest ergab sich von selbst.


     Ayaka grinste mich an. "Ich weiß, dass er schwul ist. Dafür kannst du so ganz nebenbei MIR danken!" Sie grinste noch viel breiter, als ich ihr eine verwirrte Grimasse schenkte. "Möchtest du dich kurz setzen?"
     "Ich dachte, ihr habt es verdammt eilig", zischte ich, setzte mich aber auf die Lehne eines teuer aussehenden Sessels, den sie mir anbot, um das Gespräch so lang wie möglich zu halten. Ich beobachtete, wie sie Kou die Tür aufmachte und ihn wieder herein ließ. Er suchte meine Augen, aber ich starrte stur auf den Boden. Dieser Arsch!! Sie dirigierte ihn, sich schnell anzuziehen und er verschwand kurz hinter einer Tür. Alles klar.. Geh nur.. kümmere dich nicht um mich, du verfluchter Lügner!!! Mir soll es recht sein! Ich hole mir die Erklärung wo anders!!
    Ich nutzte diese Zeit, in der ich mich erneut über Kou aufregte, um mich in der Wohnung umzusehen. Sie war groß, zu groß.. Die Einrichtung bestand kurz gesagt aus teuren Möbeln und Technik der neuesten Art. Die Wohnung schien viele Zimmer zu umfassen aber trotz allem machte sie den Eindruck, als würde hier niemand wohnen.


     "Ich habe meine eigene Wohnung", meinte Ayaka, als würde sie meine Gedanken lesen. "Und Kou hatte früher auch wo anders gewohnt." Ja, ich weiß, wo er gewohnt hatte.. und mit wem.
      Plötzlich war ich schon wieder wütend, diesmal darüber, dass Kou mich dazu gezwungen hatte, mit ihm in der alten Mikrowohnung zu leben und auf Matratzen zu schlafen, obwohl er so einen Palast zur Verfügung hatte! "Diese Wohnung dient uns sozusagen als Tarnung. Hier haben wir früher zusammen gewohnt, bevor wir uns dazu entschieden haben, heimlich getrennte Wege zu gehen.. das ist schon 6 Jahre her. Ab und zu kommt es vor, dass uns jemand besuchen möchte, dann hetzen wir wie wild hierher", lachte sie.
     Meine Wut schwand langsam bei ihren Worten, die meine Theorie bestätigten. Das hier war keine echte Ehe. (Oder nicht mehr?) Wenn sie sich wirklich getrennt hatten, bevor Kou mich überhaupt getroffen hatte, dann schien er wohl schon damals diese Ehe aus seinem Leben verbannt zu haben. Das entschuldigte allerdings nicht, dass er es vor mir geheim hielt, verdammt noch mal!! "Heimlich?" wiederholte ich. "Hast du etwa auch Angst vor seinem Alten?"
     Sie lächelte und diesmal wirkte sie wieder schön. "Du hast keine Ahnung, zu was unsere Väter fähig sind." Sie kam zu mir und berührte meine Schulter. "Es tut mir leid, falls ich unfreundlich zu dir war. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Zwischen mir und Kou war nie so etwas wie Liebe. Das hat ihm auch die Augen geöffnet und als er mir sagte, dass er auf Männer steht, war das eine Erleichterung für uns beide. So konnte ich nämlich auch endlich - heimlich - ein richtiges Leben anfangen. Vorher war das nicht möglich."


     Ich rutschte in den Sessel und spürte ebenfalls eine Erleichterung. Beinahe hätte ich Kou schon fast vergeben, als ich mich plötzlich daran erinnerte, dass da ja noch jemand anderes war. "Und euer Sohn? Was ist mit Billy? Wieso durfte ich nichts von ihm erfahren? Wo ist er?" Ich wollte alles wissen. ALLES.
     Ein trauriger Schatten huschte über ihr Gesicht. "Er wohnt bei Kous Eltern. Da wir beide viel zu beschäftigt sind, sehen wir ihn nicht oft."
     Ich traute meinen Ohren nicht. "Ihr zwei habt euer Kind abgeschoben, nur weil ihr nichts mehr miteinander zu tun haben wolltet?" Nein! Nein!! Das war nicht möglich!! Kou würde so etwas niemals tun!! Nicht Kou, der die Fürsorge in Person war!
     Ich wollte das nicht glauben. Ich konnte mich in Kou nicht so getäuscht haben!! Er war vielleicht ein Lügner.. aber er war nicht herzlos. Die Frau log.. Kou würde so etwas niemals zulassen..
     .. oder?
     Ayaka schaute mich weiterhin etwas traurig an, so dass ich merkte, dass sie über dieses Thema nicht reden wollte. "Es gibt so viele Gründe, wieso es ihm dort besser geht..", sagte sie schließlich. Mir war kotz übel. Ich hätte Ben oder Anika niemals an andere Leute verlieren können.. erst recht nicht, als sie noch Kinder waren. Ich hätte mir lieber die linke Hand abschlagen lassen.. Ich hatte alles getan, was ich konnte, um sie zu beschützen.. und dafür zu sorgen, dass es ihnen gut ging.. dass es ihnen an nichts fehlte..! Natürlich war mir bekannt, dass es Familien gab, die anders gefühlt hatten und andere Prioritäten setzten als das Wohl ihrer Kinder, aber.. ich konnte einfach nicht glauben, dass Kou zu so etwas fähig wäre..!


   "Wie.. könnt ihr einem kleinen Kind so etwas antun?" fragte ich bestürzt und dann überkam mich ein weiteres schlechtes Gefühl. Immerhin beanspruchte ich Kous gesamte Freizeit für mich.. "Hat das etwas.. mit mir zu tun? Kann Kou sich nicht um seinen Sohn kümmern, weil er mit mir zusammen ist?" Plötzlich war ich wieder auf eine andere Weise sauer.. weil ich wusste, dass ich das jetzt nicht mehr tun könnte.. Ich würde Kou ab jetzt.. teilen müssen..
    "Es hat nicht direkt was mit dir zu tun", antwortete Ayaka, aber im selben Moment erschien Kou wieder im Raum.
    "Es hat absolut gar nichts mit dir zu tun", sagte er entschlossen in meine Richtung und verzog die Augenbrauen, als er Ayaka ansah. "Anstatt ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, solltest du ihm vielleicht sagen, wieso ich Billy vor ihm verheimlicht habe!" Ja, das würde ich echt gern erfahren!!


     Ayaka meinte etwas à la  "Du wolltest es ihm doch selbst erzählen", aber ich hörte nur mit halbem Ohr hin, weil ich mich darauf konzentrierte, nicht vor Eifersucht auszurasten. Nie zuvor hatte Kou besser ausgesehen, als in diesem Augenblick. Er hatte einen tiefschwarzen Armani-Anzug an, ein türkisfarbenes Hemd mit glänzenden Opalknöpfen und eine Krawatte mit unregelmäßigen Zickzack-Mustern, die ihre Farbe wechselten, wenn er sich bewegte. Für kurze Zeit vergaß ich, dass ich sauer auf ihn war und wölbte stolz die Brust. Gott, er sah so toll aus!! Das war mein Mann! Was war ich froh, dass ich mit ihm zusammen war!! Ich wollte ihn auf der Stelle vernaschen! (Dass ich von diesem Hemd nichts wusste, würde allerdings noch ein Nachspiel haben!!)
     Meine Begeisterung für ihn verflog rasch, als Ayaka zu ihm trat und seine Krawatte herrichtete (obwohl ich der Meinung war, dass der Knoten perfekt war). Nein, er war nicht mein Mann.. Er war ihr Mann.. Was war ich? Nichts!.. Ich könnte nicht einmal verlangen, dass sie die Finger von ihm ließe.. Ich wollte nur noch schreien vor Verzweiflung. Als sie ihm auch noch an die Brust fasste, um ein ungehorsames Haar zu entfernen, wusste ich, dass ich genug gesehen hatte.


     Ich flog aus der Wohnung und fühlte mich in der Lage, einen dritten Weltkrieg anzuzetteln. Ich kochte vor Wut. Was sollte diese ignorante Vertrautheit?? Meine Welt ging gerade unter, aber sie.. ihn.. schien das nicht zu interessieren!! Machten einfach weiter in ihren Vorbereitungen für irgendein scheiß Dinner!! Kou, das wirst du noch dermaßen bereuen!!!!
     Kou holte mich beim Fahrstuhl ein. "Tedd, es.. ist alles ganz anders als es aussieht!"
     Ich stieß ihn zur Seite. "Geh weg von mir! Ich will dich nicht sehen!"
     "Tedd!"
    "Du bist ein verheirateter Mann!" schrie ich in meiner Wut. Obwohl ich wusste, dass ich ihm dadurch nichts Neues mitgeteilt hatte, war ich froh, endlich das ausgesprochen zu haben, was er von mir gleich zu Anfang hätte hören müssen. "Du hast ein Kind!! Was hast du dir nur dabei gedacht, so etwas vor mir geheim zu halten?? Und wie kommst du dazu, dir nicht einmal Zeit zu nehmen, um es mir zu erklären, nachdem ich es schon selbst rausfinden musste??"
     Der Aufzug kam in dem Moment und die Tür ging auf. Ich sprang hinein, weil ich keine Antwort von ihm erwartete.. und auch keine wollte. Kou hielt die Tür auf und sagte einen genialen Satz, mit dem alles wieder gut wurde: "Es tut mir leid!" (Zumindest dachte er wohl, dass damit alles gesagt wäre..)

    "Ich werde es dir erklären", fügte er hinzu und machte ein äußerst bedrücktes Gesicht. "Wenn wir mehr Zeit haben.."
     In dem Moment sah ich etwas an seinem linken Ringfinger glitzern. Ein Ehering.
    "Kontaktiere dafür meine Managerin", giftete ich. "Nächstes Jahr im Mai hätte ich vielleicht Zeit für dich!!"

   Draußen auf der kalten Luft musste ich mich erstmal hinsetzen. Ich versuchte, meine Gedanken zu sortieren, aber alles war durcheinander.. Ich wusste nicht, was ich glauben sollte und was nicht.. Was sah anders aus, als es in Wirklichkeit war? Wie gefährlich war denn diese Ehe für mich? Was hatte es mit Billy auf sich? Über ihn erfuhr ich ja so gut wie nichts.. Aber vor allem das verdammte WIESO..

 

   WIESO hatte Kou mir nie etwas gesagt?

 

   WIESO????


   Während ich über all das grübelte, sah ich, dass Kou und die Frau (ich hatte den Namen schon wieder vergessen) aus dem Gebäude kamen, in Kous Wagen stiegen und davon fuhren. Sie hatten mich nicht bemerkt, obwohl ich ganz in der Nähe saß. Wo wollten die nur hin? Was war denn so wichtig, dass Kou sich nicht die Mühe gab, mich aufzuklären? Wie konnte ein dämliches Abendessen wichtiger für ihn sein, als ich??

   Mit jeder Minute, die ich da saß, wurde ich wütender und gleichzeitig war ich am Boden zerstört. Wo wird denn jetzt mein Platz sein? Wird Kou mich je als einen Teil seiner Familie anerkennen?? Wieso läuft mein Leben jedes Mal zuerst so gut, bis alles umkippt und ich in der Scheiße lande? Und alles nur wegen Kou!!! Dieser Mistkerl!! Ich trat einige Male fluchend gegen die Wand; und trat weiter, als ich mich an den Ehering an seinem Finger erinnerte...


     Dann kehrte ich zurück ins Gebäude und klingelte bei Norio.

 

    Aus Solidaritätsgründen bekam Norio auch eine gescheuert. Er hatte genau wie Kou genug Gelegenheiten gehabt, mir Kous Geheimnis zu verraten. Stattdessen sprach er immer wieder in Rätseln.. ob das in den Yagi-Genen lag?
    Auf meine Frage, wieso ER mir nie etwas gesagt hatte, meinte er, es wäre nicht seine Sache.. Nein, natürlich nicht! Wir hatten schließlich nichts miteinander zu tun! Teilweise war ich auf ihn genauso sauer wie auf seinen Bruder. Gerade von Norio hatte ich mir bezüglich Kou Ehrlichkeit erhofft.. aber es war ganz anders. Er wusste, dass Kou selbst nie absolut ehrlich zu mir sein würde.. und saß nur still daneben, statt mich zu warnen. Ich meine - richtig zu warnen.. und nicht mit zweideutigen Sätzen, die für mich keinen Sinn ergaben. "Kou ist nicht der Richtige für dich!" war ja wohl die beschissenste Warnung, die ich je bekommen hatte.
    Ich verstand zwar, wieso Norio geschwiegen hatte (er wollte mich für sich allein), aber es stand einfach in dem krassen Widerpruch zu seiner Aufrichtigkeit, die er mir einst versprochen hatte.. Er ging sogar so weit, dass er behauptete, er wäre diesbezüglich besser als Kou.. aber das war er nicht.. In Sachen Ehrlichkeit ganz bestimmt nicht! Er genoss es, dass ich mich ihm fügte.. er begrüßte es, dass ich ihn für meine Rache an Kou ausnutzte, nachdem er mich damals im Park so fertig gemacht hatte.. aber wenn wir nackt im durchgeschwitzten Bett lagen, und er mir Nacht für Nacht versprach, alles besser zu machen als Kou, lachte er mich heimlich aus.. Ich war nur der nichtsahnende Dummkopf, mit dem jeder alles machen konnte..


     Verfluchte Yagis!!!


   "Du irrst dich", sagte Norio, als wir in unserer heutigen Unterhaltung an diesem Punkt angekommen waren. "Ich habe dich nicht ausgelacht. Und ich wollte dich auch nie auf Kous Kosten manipulieren. Ich hätte es dir sagen können, natürlich. Aber ich wollte nicht, dass du dich für mich entscheidest, nur weil du dachtest, du hättest keine andere Wahl. Ich wollte Kou in deinem Herzen besiegen und zwar mit dem, was ich bin und nicht mit dem, was er nie hätte sein können!"
    Du hast ihn aber nicht besiegt! wollte ich zurückfauchen, aber ich hielt mich zurück. Es wäre nicht fair. Es gab Tage, an denen ich ganz allein Norio gehört hatte, ohne an Kou zu denken, ohne der Zeit mit ihm nachzutrauern..  Es war (wie schon am Anfang erwähnt) keine Liebe im eigentlichen Sinne, vielmehr Dankbarkeit. Ich klammerte mich nach der verpatzten Chance mit Kou an Norio wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.. und er hatte mich vor dem Ertrinken bewahrt..


   Ich wollte etwas sagen, aber er reichte mir ein Glas mit Whiskey, den ich ohne nachzudenken in mich hinein kippte. Er setzte sich zu mir und ich war SOOOOOOOO kurz davor, seinem stillen Ruf zu folgen, dass mir der bloße Gedanke daran wie Untreue vorkam.. Na und? Ich dürfte ja wohl auch Geheimnisse haben, mit denen ich dann im richtigen Moment parieren würde, mit Kou konnte ich sehr wohl mithalten!!!
   Stattdessen fing ich an zu weinen. Ich wollte es nicht, aber der Whiskey hatte eine vernichtende Wirkung auf meine Sinne.. vor allem auf meine Selbstbeherrschung. Ich sank auf Norios Brust und wir erlebten ein weiteres Déjà-vu, als ich in seinen Armen erneut Trost suchte.. erneut wegen seinem Bruder.. "Wieso?", heulte ich und meine Tränen hinterließen auf Norios Hemd lange feuchte Spuren. "Wieso konnte er es mir nicht sagen?? Wieso kann er nicht zu mir stehen? Wieso quält er mich so? Wieso nur.. wieso hat er solche Angst vor seinem Vater? Ich verfluche ihn!!! Ich verfluche euren Vater!!!" schrie ich verbittert. All meine Sorgen, alles was mich traurig machte.. schien die Schuld eines einzigen Mannes zu sein..
    Norio hielt mich fest. Er blickte in die Leere, als er auf diese verzweifelte Geste meiner Hilflosigkeit antwortete: "Ich habe ihn selbst schon längst verflucht!"


    Ja, ich wusste Bescheid. Ein Missverständnis.. eine Intrige.. und ein Streit brachten Kou und Norio vor langen Jahren um ihre Brüderschaft.. und hinter all dem stand wieder nur dieser eine Mann.. der sich wohl voller Stolz ihr Vater nannte.. der die Macht über sie beide hatte, Macht, deren Ausmaße mir ebenso wenig bekannt waren, wie sein Gesicht.
    "Wieso nur.. wieso lasst ihr euch so von eurem Vater einschüchtern?" fragte ich, immer noch mit den Tränen kämpfend. "Ist er denn wirklich so ein furchteinflößender Mensch?" In Gedanken erschien mir bei den Worten Carim, aber ich jagte ihn schnell fort.
    Norio wischte meine Tränen fort und bot mir noch einen Whiskey an. Nachdem ich ihm das leere Glas zurück reichte, füllte er es bis zum Rand mit dem Whiskey und trank ihn selbst auf Ex. Wir saßen auf einem weichen Perserteppich in Norios Wohnzimmer und lehnten uns gegen sein großes Sofa. Seine Wohnung schien ungefähr so schlicht eingerichtet zu sein wie seine Villa, aber ich hatte den Kopf mit anderen Sorgen voll, als sie genauer zu studieren. Norio nahm sich ein Kissen vom Sofa und legte es unter seinen Kopf.


    "Unser Vater", begann er, "ist wie eine Krankheit für uns.. Für Kou erst recht. Er schafft es mühelos, jedem um sich herum ein schlechtes Gewissen zu verursachen. Ich bin mittlerweile immun dagegen, denke ich.. Er hat mir alles genommen, was mir wichtig war und irgendwann in der Zeit, als ich ziellos umherstreifte, um einen neuen Sinn in meinem Leben zu finden, ist mein Gewissen zu Stein geworden.. Es gibt nur eine Sache, für die ich mich schäme und zwar, dass ich auf sein Spiel hereingefallen bin und so viele Jahre einen unberechtigten Groll gegen meinen Bruder hegte."
    "Was für ein Spiel denn?" Ich ertappte mich dabei, dass ich ihm konzentriert zuhörte. Der warme, tiefe Klang seiner Stimme war unbeschreiblich schön.. und so beruhigend..
   "Er ließ mich glauben, dass Kou sich an mir für etwas rächen wollte, was einige Jahre zuvor passiert war." Norio holte tief Luft. "Eigentlich wollte ich es niemals jemandem erzählen.. aber vielleicht hilft es dir ja, Kou und seine Angst vor unserem Vater besser zu verstehen.. ER wird es dir nämlich sicher nicht erzählen. " Ich schluckte.. und war zum Bersten gespannt.
   "Kou war damals elf", sagte Norio und vertiefte sich in seine Erinnerungen. "Ja, es war der Winter nach seinem elften Geburtstag. Er war zu der Zeit - eigentlich immer - in seine Bücher vertieft. Er hatte kaum Freunde, deswegen ging er selten - eigentlich nie - aus. Man sah ihn auch sonst nur selten außerhalb seines Zimmers. In unserer Familie war jeder mit seinen eigenen Problemen beschäftigt.. und wir redeten miteinander nur dann, wenn es wirklich notwendig war.

  In diesem Winter wurde ich von einem Freund eingeladen, ein Wochenende in seiner Ferienwohnung zu verbringen. Ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn ich Kou mitnehmen würde, ich dachte mir, er könnte endlich mal die Berge sehen. Er weigerte sich; er war immer schüchtern, wenn es darum ging, neue Leute kennen zu lernen. Ich bearbeitete meinen Vater, so dass er Kou regelrecht befahl, mit mir zu gehen. Kou war alles andere als glücklich deswegen, aber ich wollte wirklich nur, dass er auch mal unter Leute kam und Spaß hatte. Trotz allem bekam ich ihn erst aus dem Haus, nachdem ich ihm versprochen hatte, auf ihn Acht zu geben und ihn nicht allein zu lassen.

 

   Eine große Party war geplant, fast alle aus meiner damaligen Klasse waren eingeladen.. So wie man es unter Freunden macht, fuhren wir mit mehreren Autos hin und sammelten jeden Kumpel ein, den wir auf der Straße fanden.. Es war eine drei stündige Fahrt, also ganz schön weit weg.. Es schneite das ganze Wochenende über und die Party war auch dadurch ein voller Erfolg; bis auf die Tatsache, dass Kou die ganze Zeit in seinem Zimmer blieb und sich nicht traute, sich uns anzuschließen.. Ich merkte zu spät, dass es ein Fehler war, ihn mitzunehmen; er war erst elf und wir waren alle erwachsene Leute, die bis zum Morgengrauen feiern konnten.. Ich glaube, wir machten ihm Angst..
    Tja.. um es nicht unnötig in die Länge zu ziehen - am Ende fuhren wir alle brav heim.. Keine besonders interessante Geschichte, nicht wahr?" Norio machte eine Pause und grinste mich an. Ich musste zugeben, dass ich ihm wirklich nicht folgen konnte. "Drei Tage später merkte ich, dass Kous Rucksack unausgepackt in einer Ecke der Eingangshalle lag. Ich brachte ihn in Kous Zimmer. Ich hatte mich vorher nicht getraut, ihn auf das vergangene Wochenende anzusprechen und bin ihm aus dem Weg gegangen. Sein Zimmer war leer. Ich dachte mir nichts dabei, aber dann fiel mir auf, dass ich ihn seit dem Wochenende nicht mehr gesehen hatte. Ich fragte herum und heraus kam, dass weder Vater, noch Keiko - Kous Mutter - , noch sonst jemand eine Ahnung hatte, wo Kou war.. Was glaubst du, wo er war?" fragte er mich plötzlich.

    Mir fielen tausend Orte ein, aber Norio sollte ja mir Antworten geben.


    "Wir hatten ihn vergessen." Norio legte sich die Hand vor die Augen; vermutlich um mein schockiertes Gesicht nicht sehen zu müssen. Was hatte er gesagt? "Wir hatten Kou in dem Ferienhaus vergessen.. Es hört sich schrecklich an, ich weiß.. Ich kann auch nicht genau erklären, wie das passieren konnte.. Im Nachhinein war es so gekommen, dass ich bei der Abfahrt einen Freund gebeten hatte, Kou in seinem Wagen mitzunehmen, weil ich die Musikanlage nach Hause fahren musste und keinen Platz auf dem Rücksitz hatte; er hatte später weiteren Freunden zugesagt und Kou sozusagen weiter gereicht.. Ohne dass ich es erfahren hatte, entstand eine Kettenreaktion, wo am Ende keiner mehr genau wusste, wer in welchem Wagen mitfahren würde.. Kous Rucksack hatte ich vorher schon in meinem Wagen verstaut und ihn daheim in die Eingangshalle gelegt, damit er ihn auf sein Zimmer mitnehmen konnte.. und vergaß ihn gleich darauf, da ich mich um die Musikanlage kümmern musste.. Kou hatte etwas getrödelt.. oder war auf dem Klo.. oder baute noch einen Schneemann zum Abschied,  keine Ahnung, was.. Ich weiß nur, dass man ihm gesagt hatte, er solle nicht im Weg stehen.. Also suchte er sich wohl ein ruhiges Plätzchen und wartete darauf, dass man ihn rief."
     Ich schenkte mir selbst einen weiteren Whiskey ein und kippte ihn wie seine Vorgänger hastig hinunter. Ich kam zu keinem klaren Gedanken mehr.

Klickt auf das Bild, um es größer zu sehen^^
Klickt auf das Bild, um es größer zu sehen^^

  "Ich raste zu der Ferienwohnung, aber Kou war nicht dort", setzte Norio fort. "Ich hatte ihn lange in der ganzen Umgebung gesucht, aber nicht gefunden. Daheim alarmierte ich die Polizei und wir suchten noch weitere zwei Tage lang. Ich war wie von Sinnen.. Es schneite immer noch - die ganze Zeit über -, es war ein scheißkalter Monat und ich hatte schon Bilder vor Augen, die ich jetzt lieber nicht erwähnen sollte..

    Ein Polizist aus einer anderen Stadt brachte ihn schließlich nach Hause. Kou war halb erfroren, abgemagert und er hatte hohes Fieber. Er hatte einen ganzen Tag lang bei dem Ferienhaus gewartet und darauf gehofft, dass jemand merken würde, dass er fehlte. Dann hatte er sich auf den Heimweg gemacht.. im Schnee.. zu Fuß.. ohne ein Handy oder etwas zum Essen dabei zu haben.. ohne zu wissen, in welche Richtung er sich begeben sollte.." Ich brauchte einen weiteren Drink. "Klingt wie eine Szene aus einem schlechten Film.. aber es  war tatsächlich so.. In dem Schneechaos verlor er die Straße aus den Augen.. hatte es aber letztendlich geschafft, nach vier Tagen eine Tankstelle zu finden. Die Leute brachten ihn zur Polizei und von dort aus kam er endlich nach Hause."


    Norio vergrub das Gesicht in seinen Händen und ich - immer noch außer Stande ein Wort zu sagen - hörte so etwas wie ein Schluchzen von ihm. "Als ich seinen kleinen Körper in den Armen des Polizisten sah, der ihn ins Haus getragen hatte, erstarrte ich vor Schreck. Ich nahm nur halbwegs wahr, wie mein Vater sich in aller Höflichkeit bedankte und den Polizisten einige Minuten später wieder verabschiedete.. Ich rannte zu Kou, der zitternd vor Vater stand, aber ehe ich ihn erreicht hatte, sah ich, wie er von Vater eine Ohrfeige bekam."
    Ich fuhr zusammen. Ich war dermaßen angespannt.. und gleichzeitig wollte ich nicht mehr zuhören.
    "Kou war damals so geschwächt, dass er dadurch kurz das Bewusstsein verlor. Ich fing ihn zum Glück auf, als er taumelte.. um im Anschluss mit anhören zu müssen, wie mein Vater von Kou verlangte, dass er sich bei mir entschuldigte.. weil er uns - und vor allem mir - so viel Ärger bereitet hatte.. weil ich seinetwegen die Schule schwänzte.. und ich sogar die Polizei alarmieren musste.. Ich war fassungslos.. Ich war bereit, die Schuld an der ganzen Misere zu tragen, das tat ich auch. Ich habe es mir später Jahre lang immer wieder vorgeworfen.. Ich hatte meinen Vater dazu überredet, auf Kou Druck auszuüben und nachdem er schweren Herzens mit mir gekommen war, hatte ich ihn irgendwo in den Bergen zurück gelassen.. Und ich bekam nicht einmal mit, dass er verschollen blieb. Was für ein Bruder war ich nur?" Norio machte wieder eine Pause, in der ich mir gleich zwei weitere Drinks gönnte.. ich verschüttete allerdings mehr als die Hälfte.. Meine Hände zitterten vor Wut und Ärger wie die Hände eines alten Mannes..


     Was mich am meisten schockierte, war, dass ich ahnte, was der elfjährige Kou danach getan hatte. Nein, Ahnen ist ein schwaches Wort.. Ich wusste es einfach. Ich sah es förmlich vor mir. Der Kou, der zur Seite wich, wenn er im Weg stand.. der verlassen vor einem abgesperrten Haus darauf wartete, dass jemand sich an ihn erinnerte und ihn abholen käme.. der auf eigene Faust lange Tage durch den Schnee watete, um nach Hause zu kommen, wo keiner gemerkt hatte, dass er fehlte.. dieser Kou, der für seine Tapferkeit auch noch bestraft wurde, er..
    "Er entschuldigte sich auch noch bei mir, so wie mein Vater es von ihm verlangt hatte", bestätigte Norio. Er erzählte mir, wie der halb erfrorene Junge, der auf der Tankstelle lediglich eine warme Suppe bekommen hatte, und daheim kaum stehen konnte, sich mit einer kleinen Träne im Auge vor ihm verbeugte und ein "Gomen ne, nii-san" räusperte. Und darauf hin zusammenbrach.
     "Ich kümmerte mich um ihn, so gut ich konnte", meinte Norio und ich glaubte ihm, als ich mich daran erinnerte, wie er mich bei meiner Lungenentzündung pflegte. (Endlich verstand ich, wieso er so gut darin war.) "Und danach tat ich alles, um meine Schuld zu begleichen. Ich verbrachte mit ihm so viel Zeit, wie ich nur konnte, damit er sich nicht mehr allein fühlte. Ich schaute jeden Abend in sein Zimmer, um ihm Gute Nacht zu sagen und mich zu vergewissern, dass er da war. Ich weihte ihn in meinen Traum, Sänger zu werden, ein. Er machte nie den Anschein, als würde er mich für diese Geschichte hassen. Er schien es - unberechtigter Weise - völlig normal akzeptiert zu haben, dass es schlicht und einfach seine Schuld war.. Wieso hätte man ihn denn sonst bestraft, statt ihn willkommen zu heißen?
    Und dennoch schaffte mein Vater es, dass ich bei der Aktion mit meinen Demotapes das Vertrauen in Kou verlor.. Ich habe tatsächlich bis vor kurzem geglaubt, dass er mich verraten hatte, um sich an mir zu rächen, dass er meinetwegen immer vernachlässigt wurde.. und auch als eine Art Revanche für die alte Geschichte."  Plötzlich drehte Norio sich zu mir um und ich sah, dass er lächelte. Traurig und schwach, aber dennoch. "Ich kann dir gar nicht genug dafür danken, dass du damals gestolpert bist und ich dich auffangen durfte.. sonst hätte ich die Wahrheit wohl nie erfahren."


    Ein Sturm tobte in mir. Gefühle aller Art sausten in mir hin und her. Ich kann nicht beschreiben, was ich in dem Augenblick tatsächlich gefühlt hatte. Ein Teil von mir wollte sofort zu Kou rennen, ihn umarmen und ihm sagen, dass jetzt alles gut sei.. er müsste nicht mehr allein sein. Nicht mehr. Niemals wieder.. Ein anderer Teil von mir hatte sich bereits eine Kalaschnikow gekauft und begab sich auf eine mörderische Mission in das Haus Yagi (wo immer es auch stehen sollte), um eine bestimmte Person für immer von der Welt zu verbannen. Ein dritter Teil fühlte mit Norio mit, weil ich in seinen Worten die tiefe brüderliche Liebe erkannt hatte, von der Julian mir einst erzählt hatte. Dieser Teil von mir konnte Norios Danksagungen auch nie akzeptieren. Ich würde mich sicher nie damit abfinden, dass er wegen mir verletzt und danach monatelang in einem Keller gefangen gehalten wurde. Und dann gab es da noch einen letzten Teil, der dem ersten unter die Arme greifen wollte, stattdessen aber nur dumm da stand und herum schrie: "Kou hat eine Frau!! Er gehört ihr und nicht mir!!" sowie "Er hat mich belogen!!"
     "Deswegen will ich, dass du auch deine Wahrheit erfährst", setzte Norio wieder fort.
    "Vielen Dank!" zischte ich, von dem Whiskey mittlerweile mehr als genug benommen. "Schon erledigt!"


    "Nein, eben nicht", widersprach er und brachte mich wieder in die Realität zurück. "Diese Geschichte, die ich dir erzählt habe, und ihr indirekter Einfluss auf den späteren Streit mit meinem Vater, bei dem es um die Demotapes ging, war der Auslöser für Alles, was danach passierte. Kou hatte sich durch die Ohrfeige damals auf eine unverständliche Art und Weise selbst suggeriert, dass alles, was er je machte oder machen würde, eine Auswirkung auf andere Leute - oder eben auf die in seiner unmittelbaren Umgebung - haben würde.. eine schlimme noch dazu, sollte er respektlos, ablehnend oder auf eigene Faust handeln. Deswegen widersprach er nie; egal was man auch von ihm verlangte, er tat es, selbst wenn er sich dadurch selbst unglücklich machte.. Mag sein, dass er selbst behauptet, er hätte Angst vor unserem Vater.. weil der nun einmal ein Meister darin ist, Kous Gewissen zu manipulieren.. Ich denke jedoch, er will einfach so abgeschirmt von ihm leben, wie es nur möglich ist.. damit er sich seinem Einfluss auf sich selbst entziehen kann. Irgendwann kommt bei jedem Menschen der Punkt, wo er einfach nicht mehr alles auf seine Schultern nehmen kann."
     Mittlerweile verstand ich gar nichts mehr. Mein Kopf dröhnte. Norio holte mir Wasser, und als ich es zu mir nahm, fragte ich ihn: "Was hat das damit zu tun, dass er es nicht für nötig hielt, mich darüber zu informieren, dass er verheiratet ist?" Und einen Sohn hat! fiel mir wieder ein. Über den ich immer noch so gut wie gar nichts wusste!
     "Kannst du es dir denn immer noch nicht denken?" fragte er zurück.
   "Nein!! Kann ich nicht!!!" brüllte ich. "Und hör endlich auf damit, mich wie einen Idioten zu behandeln!! Sag mir endlich, was Sache ist!!!!" Auch wenn es egoistisch von mir war, vergaß ich mittlerweile wieder die Geschichte um den elfjährigen Kou, obwohl ich später immer wieder an sie denken musste, und kehrte zu meiner Wut und Enttäuschung zurück.. und zu Kou, der verheiratet war.. Und einen Sohn hatte!! "Wie ist.. Billy.. so?"
     Norio seufzte. "Das willst du nicht wissen, glaub mir!"

    Wie??

Achtet auf Tedds T-Shirt XD Wann hat er das gemacht? o.O Workshop mit Norio vllt? XD
Achtet auf Tedds T-Shirt XD Wann hat er das gemacht? o.O Workshop mit Norio vllt? XD

 

    Mit den Worten, ich sollte alles lieber von Kou erfahren, reichte er mir ein weiteres Glas Wasser; ich entschied mich aber lieber wieder für einen Schluck Whiskey.

Auf Messers Schneide.. PART 2          <- click!!!


Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
KILLING IAGO©Carlsen Verlag GmbH,Hamburg 2008/Zofia Garden