4.3 - Auf Messers Schneide.. Part 3

TEDD     vs.      KOU

(Ich hab das farblich gestaltet, damit ihr wisst, wer wann spricht^^)

 

     Mein erster Tag im Leben mit einem verheirateten Mann.. Vater.. fing eigentlich genauso an wie jeder andere. Ich wachte alleine im Bett auf.. ging ins Bad und danach in die Küche. Kous Hund knurrte mich an, als ich durch das Wohnzimmer ging, und ich knurrte zurück. Wir hatten erst ein paar Tage miteinander verbracht, aber das genügte uns, um festzustellen, dass wir uns nicht mochten, da wir Beide Kous volle Aufmerksamkeit und Hingabe wollten.. und brauchten.
     In der Küche fand ich eine Aspirin-Tablette (die ich gut gebrauchen konnte) und Müsli auf dem Tisch. Ich frühstückte sehr langsam, den Blick auf mein Handy genagelt. Es klingelte nicht.. nicht eine Stunde später und am Abend immer noch nicht. Ich verbrachte den Tag  bei Selma im Büro, signierte meine neuen REVIVAL-Autogrammkarten und gab Online-Interviews für einige Musikzeitschriften, und die ganze Zeit dachte ich darüber nach, was gestern geschehen war; was Ayaka mir sagte.. was Norio mir erzählte.. aber vor allem, was Kou für sich behielt.


     Kou war kein Feigling. Er hatte Angst vor seinem Vater, war aber nicht feige, wie ich immer gedacht hatte. Nachdem ich diese Winter-Horror-Geschichte von Norio erfahren hatte, wurde mir klar, dass Kou nur innerlich gebrochen war. Diese angebliche Angst, über die er selbst manchmal sprach, war keine richtige Furcht.. oder gar Respekt.. es war Resignation. Er muss wohl schon als elfjähriges Kind all seine Hoffnung auf eine erfolgreiche Integration in seine Familie aufgegeben haben. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen. Ich selbst habe keinen Erfolg bei Mona gehabt, aber zum einen war sie nicht meine leibliche Mutter und wird es nie sein, was ihre Verhaltenheit mir gegenüber bis zu einem gewissen Grad entschuldigte; zum Anderen gab ich niemals auf, mir ihr Interesse zu erkämpfen. Zudem waren Ben und Anika meine Stützpfeiler.. selbst wenn wir uns lange Zeit nicht sehen konnten, wusste ich, dass uns ein tiefes Band der Geschwisterliebe zusammen hielt.
     Die Gemeinsamkeiten und gleichzeitig die Unterschiede, die ich bei mir und Kou längst bemerkt hatte, ließen mir heute keine Ruhe. Da wo ich den Willen zu kämpfen besaß, hisste er die weiße Flagge; wo ich widersprach, gehorchte er; wenn ich mehr wollte, war er bereits mit wenig zufrieden gestellt.. Jeder von uns hatte seine eigene Art, mit seinem Leben klar zu kommen.. weil er nur so überleben konnte.. weil er es nicht anders gelernt hatte.. Und es waren genau diese Differenzen in uns, die das Leben des Anderen so erschwert hatten. Weil wir in diesem Bereich so unterschiedlich stark waren, schien es (vor allem mir) unmöglich, unsere Stärken und Schwächen zu verbinden, um zu einer Einheit zu gelangen.


     Es war kindisch von mir, den Code zu ändern. Kindisch und sinnlos. Ich wollte schließlich die Erklärung von ihm haben. Ihn auszusperren war eine Tat der Verzweiflung. Er hatte mich nicht angerufen, also konnte ich seine Anrufe nicht ignorieren, um ihm zu zeigen, wie sauer ich auf ihn war, obwohl ich darauf gewartet hatte. Ich war alles andere als glücklich, dass er an diesem Morgen ganz normal zur Arbeit ging, statt sich frei zu nehmen und mit mir Klartext zu reden. Ich überstand es, dass er sich auch am Abend nicht meldete. Als er aber selbst um Mitternacht nicht erschienen war, kam es einfach über mich. Ich erwartete nicht, dass er sich an meinen Geburtstag erinnerte, auch wenn ich fest davon ausging, dass er ihn niemals vergessen würde (Er hatte ja das Erinnerungsvermögen einer Frau.. erschreckend, was der sich alles merken konnte..) und ich war nicht deswegen sauer, dass er mir nicht pünktlich um 00:00 Uhr "Wie schön, dass du geboren bist" gesungen hatte. (Ich war mir sogar sicher, dass er das Lied bei seinem Geburtstag noch nie gehört hatte..) Ich war schlicht und einfach enttäuscht, dass er nicht von selbst den Schritt gemacht hatte, um zu mir zu kommen und mir endlich alles zu erklären..
     Die Enttäuschung, dass ich wieder einmal selbst um die Wahrheit betteln musste, war so groß, dass ich mir fest vorgenommen hatte, ihn nicht herein zu lassen.. ihm nicht einmal zu antworten.. Aber allein bei seiner Stimme wurde ich schwach. Ich verfluchte Norio, dass er mir Kous Kindheitsgeschichte erzählt hatte, weil ich nun andauernd an den kleinen Jungen denken musste, der nach Hause kommen wollte.. nach Hause, wo keiner ihn vermisst hatte.


     Ich hatte ihn vermisst..


     Ich hatte mein ganzes Leben lang einen Mann wie Kou vermisst..


     Aber als die Tür aufsummte, verschwand ich auf den Balkon. Ich wollte ihn nicht ansehen.. und ihm sofort alles vergeben (ich wusste, ich wäre in der Lage dazu). Ich setzte mich auf den Boden und lehnte mich gegen die gläserne Balkontür. Es war kalt.. scheißkalt, um genau zu sein.. aber das war mir egal. Mein Ärger wärmte mich von innen.


     Ich hörte ihn, wie er zuerst T.J. begrüßte. Natürlich! Wäre auch viel zu schön gewesen, am Tag meines eigenen Geburtstags ausnahmsweise an erster Stelle zu stehen! Ich biss mir auf die Lippe, um die Tränen zurück zu halten, die sich wie von selbst den Weg in meine Augen gebahnt hatten. (Ja, ich weiß, ich benahm mich wieder kindisch. Es war ganz natürlich, dass er T.J. begrüßte, er war schließlich der Erste, den er sah, als er die Wohnung betrat.)
    Die Balkontür neben mir ging leise auf. Kou legte eine kleine Schokoladentorte zu meinen Füßen. "Alles Gute zum Geburtstag, Tedd", sagte er. Bereits bei dem Wort Geburtstag packte ich allerdings den Kuchen und schmiss ihn im hohen Bogen auf die Straße. Das war nicht das, was ich hören wollte, verdammte Kacke!!!
     Kou verstummte. Ich nahm stur und ohne ein Wort wieder meine Sitzposition ein und dann hörte ich, wie er sich  mit dem Rücken zu der Balkontür (und zu mir) hinsetzte. Die Tür blieb offen. Ein tiefer Seufzer erklang, aber ich war mir nicht sicher, ob es meiner oder seiner war..


 


     Doch, es war seiner.


     "Ich.. bin verheiratet", sagte er nach einer Weile.
     "Ach, was du nicht sagst? Damit hast du mich jetzt echt schockiert!" spottete ich.
     "Und ja, ich.. habe einen Sohn", setzte er fort.
     "Auch noch?"
     "Ich wollte nicht, dass du das erfährst", meinte er.

     Wie bitte?

  

     Wieso? Wieso? Wieso???? "Wieso hast du es mir nicht gleich am Anfang gesagt?"
     "Wann - am Anfang? Damals, als ich dir auf dem Strich begegnet bin? Als ich mit dir ein neues Leben anfangen wollte? Hättest du etwa zugesagt, mit mir weg zu gehen, wenn du gewusst hättest, dass ich nicht frei war?"
     Nein.. vermutlich nicht.. "Es geht nicht um damals!" wandte ich ein. "Dominik und der Hexer hätten Geheimnisse voreinander haben können!! Aber nicht Tedd und Kou!!" Nicht Tedd und Kou..


     "Es.. gab einfach nie den passenden Augenblick dafür", erwiderte Kou. "Es war auch nie von Bedeutung für uns zwei!" Was soll das heißen?? "Am Anfang, als ich dich zu mir geholt habe, wollte ich Rache.. oder Satisfaktion.. was auch immer.. Was für einen Unterschied hätte es da gemacht? Unsere Zeit war auf drei Monate begrenzt.. Ich dachte, wir würden danach für immer getrennte Wege gehen.. Du würdest mich einfach vergessen.. mich und die ganze Geschichte.. Es hätte keinen Sinn gemacht, es dir letztes Jahr zu sagen.. Und danach.. war es im Grunde das selbe.. Ich wusste, dass Norio nicht aufhören würde, dich zu verfolgen.. Ich sagte dir schon einmal, dass ich darauf vorbereitet war, dass du mich seinetwegen verlassen würdest.."
     "Ich habe dich nicht verlassen!!" schrie ich wütend. "Ich ging zu Norio, um deine Karriere zu schützen!! DU hast mich verlassen!"
     "Ja, ich weiß!!" schrie er zurück. "Ich sage doch, dass ich das gedacht habe!.. Woher hätte ich wissen können, dass du.. dass du.. " Seine Stimme brach und ich verfluchte Norio erneut, denn schon wieder war hier der kleine Junge anwesend.. der nur Vernachlässigung und Desinteresse kannte.. Dass du es wirklich ehrlich mit mir meinen würdest, wollte er sagen. Dass du mir verzeihen würdest.. Dass du mich lieben könntest.. Nicht meinen Bruder, den großen, schönen, mächtigen Imperator..
     .. MICH..


     Er beendete den Satz nicht. "Wärst du damals bei mir geblieben, wenn du gewusst hättest, dass ich verheiratet bin? Wärst du?.. Und ich.. wollte dich so sehr bei mir haben.. Auch wenn es nur für eine kurze Zeit wäre, wollte ich einfach nur glücklich sein.. Du warst da.. mein kleiner Stricher.. und obwohl ich in der Zeit immer noch in dem Glauben war, dass du mich vor Jahren versetzt hattest, wollte ich das alles nur vergessen.. und mit dir zusammen sein.. Ich wollte selbst nicht an meine Ehe denken.. die uns nur auseinander gerissen hätte.."


     Die Balkontür klappte zu. Der kalte Wind, der draußen immer stärker wurde, war daran schuld. Kou streckte die Hand aus und öffnete sie wieder. In dieser kurzen Pause versuchte ich, an all die Nebensachen zu denken, die unser damaliges Leben ausmachten. Unsere Missverständnisse, unsere Wünsche und Ängste, die wir zu der Zeit hatten.. all das war bereits viel zu viel, um eine Beziehung heil zu überstehen.. Ich hatte damals ähnliche Wünsche wie er.. Auch ich wollte nichts anderes, nur mit ihm zusammen sein.. Auch ich erzählte ihm nichts von meiner Vergangenheit.. weil ich Angst hatte, er würde sich vor einem ehemaligen Stricher ekeln.. Aber das tat er nie, im Gegenteil.. er hatte mir seine Hand gereicht und mich ans Licht gezogen. (Auch wenn diese verdammte Szene im Park mir etwas anderes vermitteln sollte, so verabscheute er mich nie für das, was ich war.) Aber dennoch was das hier doch.. etwas völlig anderes..


     "In der Zeit, als wir getrennt waren, auch während dem ganzen Prozess, war es wieder einmal mehr als irrelevant, dich mit mir und meiner ganzen Familie zu belasten.. das siehst du doch ein, oder? Du hattest genug mit deinen Problemen zu kämpfen.."
     Ich streckte mich. "Das verstehe ich ja!! Ich verstehe es, verflucht nochmal!! Aber wir haben uns danach versprochen, uns nicht mehr anzulügen!!" Nein, eigentlich haben wir so etwas nie ausgemacht.. aber man geht doch ganz natürlich davon aus, wenn man in einer Beziehung ist, oder?  "Du wolltest ehrlich zu mir sein!" Das klang schon besser.. "Du wolltest mir die Sterne vom Himmel holen!! Aber du hast mich einfach weiterhin belogen, als wäre nichts!! Als würde ich dir nichts bedeuten! Als würde es dich nicht kümmern, was ich zu sagen habe!!"   


   

     "Du bist alles für mich!" meinte er weiter. "Alles, was ich je wollte! Alles, was mich glücklich macht! Ich wollte dich einfach nicht verlieren! Ich hatte Angst, du würdest mich verlassen, wenn ich es dir gesagt hätte!!"


     Seine Worte machten mich schwach. Das war nicht gut. Ich glaubte ihm ja, aber dennoch..
     "Wie lange wolltest du es denn vor mir geheim halten? War dir denn nicht klar, dass wir so keine Zukunft miteinander planen konnten?"
    "Entschuldige, ich ging einfach nicht davon aus, dass du mich so schnell heiraten wolltest!" Er schrie genauso laut wie ich.
    Ich zuckte zusammen und fühlte mich gleich schlecht. Bedeutete das etwa, dass er überhaupt nicht mit dem Gedanken spielte, mich zu heiraten?
     Er senkte seine Stimme, als er meine Anspannung merkte. "Ich wollte so schnell wie möglich eine Lösung finden.. mich scheiden lassen.. in aller Stille.. ohne, dass du davon erfahren würdest.. Aber so etwas braucht einfach Zeit!.."
     Meine Faust traf die Glasscheibe neben mir. "Hast du mir echt nicht zugetraut, dass ich damit umgehen könnte??" Ich war echt sauer. "Was geschehen ist, ist geschehen, mich ärgert es nicht, dass du verheiratet bist (doch, das tat es dennoch..), sondern weil du es mir nicht gesagt hast!!! Was soll der Scheiß, ich hätte es nie erfahren sollen? Wie wäre das denn möglich?? Würdest du mir die Existenz von deinem Sohn etwa für den Rest unseres Lebens verschweigen?? Und hast du etwa nie daran gedacht, dass ich von deiner Ehe eines Tages im Internet oder sonst wo erfahren würde?"

     "Na bis jetzt hat es doch geklappt.."


     Ich sprang auf und war jetzt richtig.. richtig wütend. "Ich verstehe!! Du wolltest mich in Wahrheit niemals in deine Familie integrieren!! Du willst nicht, dass ich ein Teil von ihr werde!!"
     "JA! SO IST ES!!"
     Ich war sprachlos. Er gab es offen zu. Das, wovor ich mich die ganze Zeit am meisten gefürchtet hatte, traf tatsächlich ein..

   

 

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     Ich stand auf. Er nannte mich einen Mistkerl.. ja, das war ich auch. Aber ich sagte ihm die Wahrheit, die wollte er ja hören. Nun ging es darum, sie richtig zu interpretieren.
     Er machte einen Schritt zurück, als ich auf ihn zutrat. Er wollte von mir nicht berührt werden, aber ich schaffte es dennoch, seine Hand zu packen und ihn in die Wohnung hinein zu ziehen. Er fing an zu zappeln, um sich aus meinem Griff zu befreien, er trat und biss mich, schrie, ich solle ihn loslassen und verschwinden, aber all das war tausendmal besser, als seine Tränen.


     Der Tag war da, an dem ich über meinen Schatten springen musste. Ich zog ihn zur Tür, dann aus der Wohnung. Er wirkte ziemlich überrascht, als ich ihm befahl, sich in meinen Wagen zu setzen. Als ihm klar wurde, dass wir in meine Wohnung fuhren, versuchte er, aus dem Auto zu springen, woran ich ihn zum Glück erfolgreich hinderte. "Ich will da nicht hin!!" brüllte er. Ich ließ nicht locker. Als wir an dem Wohnkomplex angekommen waren, versuchte er wegzurennen, aber ich holte ihn ein, eilte mit ihm zum Gebäude zurück und zwang ihn, in den Fahrstuhl zu steigen. Er hatte sich mittlerweile etwas verausgabt, dennoch versuchte er noch etliche Sachen, um mir zu entkommen. Ich atmete etwas erleichtert aus, als ich die Wohnungstür hinter uns zumachte.
     Er schaute mich grimmig und verletzt an. Ich wollte ihn umarmen, aber er würde das in diesem Moment nicht zulassen.


    "Ich möchte, dass du etwas siehst", erklärte ich ihm und öffnete die Schlafzimmertür. Er erstarrte und ich sah ihm an, dass er kurz davor war, mich erneut zu schlagen. Er schaute sich in dem Raum um. Das Schlafzimmer war doppelt so groß wie das in seinem Penthouse, in dem wir derzeit unsere Nächte verbrachten. Es war in einem sanften blauen Ton gehalten, sauber, modern, mit einem großen Himmelbett. So wie ich es in Erinnerung hatte.
   "Ja, die Eheleute haben Geschmack!" giftete er. "Soll ich jetzt einen Freudestanz vorführen, weil du mir gezeigt hast, wo du mit deiner Frau gevögelt hattest? Ist das deine Erklärung von - "
   "In diesem Zimmer war ich das letzte Mal vor 6 Jahren", unterbrach ich ihn. "Und in dem Bett habe ich noch nie geschlafen."
   Schweigend sah er mich an, um den Grund dafür zu erfahren. Ich merkte, dass er sich selbst dazu zwang, mir zu glauben. Ich ging mit ihm auf die andere Seite der Wohnung und blieb vor einer Tür zu einem kleinen Raum stehen. "Das hier ist mein Schlafzimmer", sagte ich und forderte ihn dadurch auf, in das Zimmer hinein zu blicken, was er in seiner Neugier auch tat.


     Er blieb mit offenem Mund stehen, als er dort mein Equipment aus unserer alten Wohnung im Japan-Viertel entdeckte. Equipment war vielleicht übetrieben.. Außer Büchern besaß ich nicht viel. Sie waren zusammen mit einigen CDs und DVDs, die ich mir hin und wieder gekauft hatte, in einem großen Bücherregal in der Ecke verstaut. Ein Abstelltisch und eine Kommode mit etwaigem Kleinkram waren hier. Und mein Futon auf dem Boden.
     "Willst du mich verarschen??" Er drehte sich zu mir um. "Was soll das? Hier willst du das ganze Jahr über gewohnt haben? Das hast du doch sicher erst vor kurzem so eingerichtet!"
     Ich lächelte. "Nein. So sah es immer aus."


     Er glaubte mir nicht, aber das machte nichts. "Das war ursprünglich ein Abstellzimmer. Aber Ayaka hatte mir am ersten Tag unserer Ehe verboten, in ihrem Schlafzimmer zu schlafen und auf dem Sofa wurde es nach einigen Nächten ziemlich unbequem. Hier war früher ein Bett, in dem ich geschlafen habe. Als ich die andere Wohnung im Japanviertel bezogen habe, hat sie es verkauft und diesen Raum völlig zugemüllt. Dann hat sie sich selbst eine eigene Wohnung gekauft. Diese Wohnung hier dient uns schon seit Jahren nur zur Tarnung. Wenn wir Besuch von unseren Familien bekommen, tun wir so, als würden wir hier ganz normal wohnen und auch im großen Schlafzimmer schlafen, gehen dann aber wieder getrennte Wege."
     "Aber.. jetzt wohnst du doch hier, oder?" fragte er mich ungläubig. "Ich meine.. seit.."
     "Seit Januar, ja", half ich ihm, damit er das Wort "Trennung" nicht aussprechen musste.
     "Wenn sie hier nicht mehr wohnt, wieso schläfst du nicht in dem großen Schlafzimmer?"
   "Ich würde in dem Zimmer nicht schlafen, selbst wenn man mich dafür bezahlen würde", antwortete ich und vertrieb einige böse Erinnerungen an eine bestimmte Szene aus dem Kopf, die sich in dem Schlafzimmer abgespielt hatte. "Ich habe ja die ganze Wohnung für mich allein.. und ich schlafe gern auf diesem Futon."


    Er wurde jetzt rot, weil er die Matratze erkannte. Es war seine, er hatte darauf in der anderen Wohnung monatelang geschlafen. "Dein Duft ist teilweise immer noch in den Fasern gefangen", bestätigte ich es und er trat gegen mein Schienbein. (Er war so niedlich, wenn er verlegen war.) Er musterte das Zimmer mit einem traurigen Blick und dann setzte er sich auf die Matratze.
    "Du lügst. Wie immer. Ich glaube dir kein Wort." sagte er. "Und überhaupt! Was soll das hier beweisen?"
     Ich kniete mich vor ihn hin und blickte in seine blauen Augen. "Das ist meine Ehe, Tedd."
    Er schaute mich ebenfalls lange an, als wollte er tief in meine Seele hinein sehen. Vielleicht hatte er es sogar geschafft. Ich hielt seinem Blick stand, auch wenn ich darin genau das sah, wovor ich mich gefürchtet hatte.


      Mitleid.


     Als ich nach seiner Hand griff, zog er sie nicht weg. Ich hielt sie in meinen Händen. Ich schöpfte Kraft daraus; sie erfüllte mich mit Wärme und gab mir Mut. Dann setzte ich mich neben ihn und erzählte ihm endlich das, was er wissen wollte. Das, was ich ihm nie sagen wollte.

 

    Ayaka ist zwei Jahre älter als ich. Sie besitzt derzeit eine Feinschmeckerrestaurantkette. Als ich siebzehn war, hatte sie gerade angefangen, hier in Europa Restaurantmanagement zu studieren. Ich kannte sie zu der Zeit bereits, weil ihr Vater schon damals enge Kontakte mit meinem Vater gepflegt hatte; zwei einflussreiche Männer und ihre Welt eben.. Da Ayakas Vater wegen seiner Position als Automobilmogul oft nach Europa reisen muss (heute immer noch), waren er und Ayaka nicht selten bei uns zu Besuch. In ihrem ersten Jahr auf der Uni wollte er sich bei Vater revanchieren und hatte uns in den Semesterferien alle nach Japan eingeladen. Privatjet, versteht sich. Eigentlich hatte er nur Vater, Mutter und Norio eingeladen, aber ich wollte nach langer Zeit meine Großeltern wiedersehen, die noch in Japan leben, also bin ich mitgeflogen und später hatte es sich so ergeben, dass ich dennoch in der Villa von Ayakas Familie übernachten durfte.. musste..


     Es war die zweite Nacht in Japan. Ich lag in einem der vielen Gästezimmer, welches mir zugeteilt worden war, lauschte einige Zeit den lauten Stimmen, die aus dem Garten kamen, bis ich irgendwann einschlief. Ayaka hatte ein paar (haha) ihrer Freunde eingeladen und alle waren sie hin und weg von Norio, der etliche Stunden in ihrer Gesellschaft verbringen und alle unterhalten musste. Ich hatte mich noch vor dem Beginn der Party weggeschlichen, wodurch mir all das erspart blieb.
     Es war Sommer, so warm, dass ich nur in der Unterhose schlief. Ich wurde wach, als mir unerträglich heiß wurde, gleichzeitig spürte ich etwas Nasses auf meinem Mund. Meine Brille, ohne die ich zu der Zeit so gut wie nichts sehen konnte, lag auf dem Nachttisch. Es dauerte etwas, bis ich merkte, dass eine Frau auf mir lag, meinen nackten Körper küsste und dabei etwas angetrunken kicherte. Ich versuchte so einiges, um sie abzuschütteln, aber sie ließ sich nicht abwimmeln, goss mir etwas Sekt in den Mund und über die Brust, um es mit ihrer Zunge ablecken zu können, dann wieder in den Mund und wieder und wieder, bis ich nicht mehr klar denken konnte; der Alkohol (ich vertrage nicht viel davon) und ihre Nähe taten den Rest. Erinnern kann ich mich daran allerdings nur matt; ich weiß nur, dass sie genauso wenig wusste wie ich; wie das in unserem Zustand überhaupt klappen konnte, habe ich bis heute nicht begriffen.


     Am Morgen weckte mich ein unangenehmer, schriller Schrei: "DUUUUU?"


     Im Halbschlaf noch und mit donnernden Kopfschmerzen griff ich nach meiner Brille.
     Ayaka saß nackt vor mir und glotzte mich ungefähr genauso schockiert an, wie ich sie. Ich wollte etwas sagen, aber als ich mich im Bett bewegte, kam ein roter Fleck auf dem Bettlacken zum Vorschein. Ich musste schlucken. Ayaka wurde rot und warf sich auf mich. "Nicht du!!! Nicht du!!!!" Wütend erteilte sie mir Schläge und schrie mich weiterhin an. Ich verstand nur so viel, dass sie wohl das Zimmer verwechselt hatte, als sie sich zu einem anderen Mann einschleichen wollte; und es in ihrem betrunkenen Zustand nicht bemerkt hatte. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, wer der andere Mann gewesen sein musste.


     Ihr Vater stürmte das Zimmer. (Ich hatte das komische Gefühl, dass er in der Nähe gewartet hatte, was sich später auch bestätigte.) Er sah mich ziemlich überrascht an und dann fragte er Ayaka: "Was soll das hier?? Wieso bist du hier??" (Die Betonung lag auf hier.)
     "Ich weiß es nicht!!!" weinte sie, schlug mich aber weiter. "Du nicht!! Ich wollte nicht dich!!"


     Ich konnte irgendwie gar nichts tun.. weder mich bewegen, noch ihr erklären, dass ich nichts dafür konnte.. Sie war es, die in mein Bett gekrochen kam und mich verführt hatte!.. Da erschienen weitere Leute im Zimmer, wohl von Ayakas wütendem Anfall geweckt - mein Vater, meine Mutter, Ayakas Mutter, ihre Geschwister, einige Bedienstete und sogar zwei-drei von Ayakas Freunden, die ebenfalls in der Villa übernachten durften. Alle starten mich(!) vorwurfsvoll an und fingen gleich damit an, mir eine Predigt zu halten, was ich mir denn erlaubte, mich an der Tochter von Vaters Freund vergangen zu haben, was sei ich doch für ein schlechter Sohn, Schande über mich, blabla das ganze Programm, das ein ungehorsames Kind zu hören bekommt, wenn es etwas extrem Schlechtes anstellt..
     Dann kam Norio ins Zimmer, mit der Frage, was der Lärm solle.. Als Ayaka ihn sah, brach sie in ein noch größeres und lauteres Geheule aus, so dass ihr Vater sie weg bringen musste. Als nur noch Vater, Norio und ich im Raum blieben, schlug Vater mich. Er schlug mich nie in der Öffentlichkeit und sowieso nur sehr selten; es tat auch nicht besonders weh. Viel mehr schmerzte mich die Tatsache, dass er mich immer unberechtigt ohrfeigte. Ich beteuerte immer wieder, dass ich keine Schuld trug; wir waren schließlich in meinem Zimmer und nicht in Ayakas, ich war jünger als sie, wie hätte ich sie hierher entführen können..? Keiner schien daran zu zweifeln, dass ich schlicht und einfach ein egoistischer Teenager war, der seine Triebe nicht unter Kontrolle hatte..
     Als letztendlich auch Vater den Raum verlassen hatte, bemerkte ich bei Norio ein komisches, sarkastisches Grinsen. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass Ayaka nicht von selbst mein Zimmer anvisiert (und verwechselt) hatte.. Norio und ich redeten zu der Zeit kaum miteinander, die Geschichte um seine Demotapes lag erst drei Jahre zurück; Norio glaubte mir immer noch nicht, dass ich ihn nicht an Vater verraten hatte.. Leider hatte ich keine Ahnung, wie Vater Norios Demotapes finden konnte, daher konnte ich meine Unschuld auch nicht beweisen. Norio spielte mir seitdem immer wieder kleinere Streiche, um mich für meinen Verrat zu bestrafen.. und mit diesem hier wollte er mir wohl endlich alles heimzahlen.


     Und er hatte es geschafft. Er hatte mir tatsächlich mein Leben zerstört.
     Am Nachmittag desselben Tages wollte ich mit Ayakas Vater reden und ihm alles in Ruhe erklären. Als ich vor der geöffneten Tür seines Arbeitszimmers stehen blieb, hörte ich ihn mit Ayaka sprechen.
     "Wie konntest du dich nur so vertun? Nun kannst du Norio nicht mehr heiraten!"
     Sie weinte immer noch (oder schon wieder): "Ich weiß es nicht!! Ich bin doch mit ihm ins Haus gegangen!"
     "Der jüngere Sohn bringt uns nichts, verdammt! Nur mit Norio wäre uns der Erfolg sicher! Er ist Yagis alleiniger Erbe!"
     Ich musste traurig grinsen. Sie wussten nicht, dass Vater Norios gesamtes Erbe auf mich übertragen ließ, nachdem Norio vor drei Jahren von Zuhause wegrannte, um wiederum ihn zu strafen. Norio hatte zu der Zeit nichts, kein großartiges Geld, keine Aktien, keine Anteile, keine Investitionen. Ich beschloss jedoch, keinem etwas zu sagen.


     Am Ende redete ich doch nicht mit Ayakas Vater. Alle hatten beschlossen, Gras über die Sache wachsen zu lassen, weil Ayakas Familie immer noch auf Norio setzte. Die Verbindung unserer Familien wäre für alle von Vorteil gewesen und ich ertappte später meinen Vater, wie er mit Norio fieberhaft über die Möglichkeiten dieser Ehe diskutierte. (Es war ohnehin nicht mehr IN, auf der Jungfräulichkeit seiner zukünftigen Frau zu beharren.) Norio war allerdings mehr als froh darüber, dass er nicht heiraten musste und ich kam dahinter, dass er von Vaters Intentionen, ihn mit Ayaka zu verheiraten, schon Jahre vorher gewusst hatte. Das schien der Hauptgrund für Vater gewesen zu sein, Norio nicht zu erlauben, ein Sänger zu werden. Ein Sänger wäre für einen mächtigen Mann wie Ayakas Vater kein würdiger Schwiegersohn.. Und ich sowieso nicht (obwohl ich kein Sänger war).
     Drei Wochen nach dem Vorfall mit Ayaka änderten plötzlich alle ihre Meinung. Vater verkündete mir beim Abendessen, dass ich Ayaka heiraten werde. Sie war schwanger. Offensichtlich kam ihre Familie zu dem Entschluss, dass der jüngere Sohn doch keine schlechte Wahl wäre, jetzt, als es ohnehin keine andere Wahl gab. Ayaka erzählte mir Jahre später, dass sie abtreiben wollte, aber ihr Vater hinderte sie daran. Dass ich zu der Heirat nichts zu sagen hatte, war beschlossene Sache.. Ich war der Verführer und musste meinen Mann stehen..
     Wir heirateten zwei Wochen später. In Japan. Keine allzu große Feier für den jüngeren Sohn. Es gab keine Flitterwochen, keine Hochzeitsgeschenke. Es war ein schlichtes Geschäft zwischen unseren Familien. Ayaka und ich bezogen diese Wohnung (unsere Familien zwangen uns dazu); beide hatten wir mit unserem Studium zu tun, daher beschlossen wir, unsere Ehe nur als eine Art Wohngemeinschaft zu betrachten. Sie interessierte sich nie für mich, hatte noch jahrelang nur Augen für Norio, obwohl er längst für sie verloren war. Mir selbst war alles egal, teilweise freute es mich, endlich weg von Zuhause zu sein. Ich und Ayaka ignorierten uns die meiste Zeit.. und daran änderte sich nur selten etwas.


     All das erzählte ich nun Tedd, der neben mir saß und mir mit einer wütenden Miene zuhörte. Er war danach kurze Zeit still und ich sah ihm an, dass er in Gedanken war. "Was ist nun mit Billy?" fragte er schließlich. "Wieso lässt du ihn bei deinen Eltern wohnen? In einem Haus, in dem du so unglücklich warst? Wieso kümmerst du dich nicht um ihn?"
     Ich atmete tief ein. Er schmerzte mich besonders, von diesem Teil meines Lebens zu erzählen.
     "Als Billy geboren worden ist - wir sind dafür extra zurück nach Japan geflogen - und ich ihn zum ersten Mal in den Händen hielt, schwor ich mir, alles für ihn zu tun.. so wie es wohl jeder Vater bei der Geburt seines Kindes tut. Er ist mein Sohn, falls dich das beschäftigt, daran gibt es keinen Zweifel. Er hat meine Augenfarbe und auch andere Merkmale, die das bestätigen..


     Nach der Rückkehr aus Japan beschloss Ayaka, dass ich mich um Billy kümmern sollte.. schließlich war ich schuld daran, dass es ihn gab.. und sie hatte ihre Pflicht getan - sie hatte ihn geboren. Wir stritten uns ziemlich heftig deswegen, aber ich konnte sie nicht umstimmen. Solange sie stillen konnte, bot sie ihm an, was er brauchte, danach lehnte sie jegliche Mutterpflichten ab. Sie war kaum noch zu Hause; als er seine Zähne bekam, übernachtete sie bei ihren Freundinnen; wenn er krank war, machte sie eine Kur oder nahm an verschiedenen Wochenseminaren teil, um nicht daheim sein zu müssen.. sowieso war sie äußerst selten daheim, ich fragte mich, ob Billy überhaupt wusste, dass sie seine Mutter war..
     Billy erinnerte mich von Anfang an an mich. Jedes Mal, wenn ich von der Schule heimkehrte und ihn einsam in seinem Kinderbett liegen sah, schnürte sich mein Herz zu. Wir hatten für ihn eine Tagesmutter angestellt, aber unsere Nähe konnte sie ihm nicht ersetzen. Ich wollte nicht, dass er das Gleiche durchmachen musste, wie ich. Nachdem ich mein Abi hinter mir hatte, blieb ich erstmal bei ihm. Ich fing erst zwei Jahre später mit der Uni an. Er war das erste Wesen, das mir allein gehörte.. und das mich mochte.. und das erfüllte mich mit einem Gefühl tiefster Dankbarkeit. Ich tat alles für ihn, kaufte ihm alles, was er wollte, richtete für ihn ein Kinderzimmer ein, schlief auf einer Matratze neben seinem Bett.. Wir waren zu der Zeit richtig miteinander verbunden, er wollte nicht mehr von mir getrennt sein und ich noch weniger. Er war alles für mich.. "
     Ich drückte Tedds Hand fest, um ihm zu zeigen, dass er derzeit derjenige war, der mir alles bedeutete. Er hatte eine "Was ist dann passiert?"-Frage auf den Lippen, aber er fragte nicht. Ich antwortete dennoch.


     "Ayaka hatte irgendwann ihr Studium beendet und eröffnete gleichzeitig ihr erstes Restaurant. Zu der Zeit ging ich auch schon zur Uni. Sie nahm Billy ab und zu mit, wenn ich einen langen Tag hatte. Er weinte nie und beschwerte sich noch weniger, was aus ihm für sie und ihre Umgebung ein "zauberhaftes Kind" machte. Natürlich war sie für seine gute Erziehung verantwortlich, sie prahlte damit überall. So ist sie eben. Mir war es immer egal, man wollte ihr glauben und mir würde ja eh niemand zuhören.. Als könnte ich, der Versager,  je vernünftig ein Kind erziehen.. Allein Billys Liebe war real, sie war alles, was mir etwas bedeutete.
     Als er vier war, nahm sie ihn für ganze zwei Wochen mit nach Japan. Ich wollte mich von ihm nicht trennen, aber ich habe eingesehen, dass er ab und zu auch Ayakas Familie besuchen musste. Als sie mit ihm zurück kam, hatte er hohes Fieber und kollabierte zwei Tage später." Ich schauderte bei der Erinnerung an diesen Tag und das, was danach folgte. Tedd erahnte, dass danach etwas Schlimmes passiert war und nun drückte er meine Hand, um mir zu zeigen, dass er mein Zögern verstand. "Danach war er Wochen-.. monatelang im Krankenhaus. Alles fing mit einer Erkältung an.. Ayaka hatte sich nicht genug um ihn gekümmert.. sie hatte ihn allein gelassen.. und er wollte zu mir und weinte zum ersten Mal im Leben und sie hatte ihn weinen lassen.. sie hatte ihn im Bad eingesperrt, um ihn nicht weinen hören zu müssen.. und vergaß ihn, nachdem er erschöpft in der Badewanne eingeschlafen war.. " Ich schauderte erneut und biss die Zähne zusammen, wie jedes Mal, wenn ich an diese Szene denken musste..


     In Tedds schockierten Augen stand immer noch die unausgesprochene Frage. Als ich ihm sagte, dass mein Sohn nach der Rückkehr aus Japan an Paraplegie erkrankt war, konnte er mir nicht folgen. "Billy sitzt seit 6 Jahren im Rollstuhl", sagte ich es so, damit er es verstand und ich sah, wie sich Tedds Augen vor Schreck weiteten. "Verschiedene Entzündungen seiner Muskeln waren während seinem Aufenthalt im Krankenhaus entstanden.. oder sogar noch vorher, wer weiß.. seine Beine sind seitdem gelähmt.. er hatte schon etliche OPs gehabt, aber bisher.. hat einfach nichts geholfen. Er wohnt seit fünf Jahren bei meinen Eltern, weil Sie mehr Zeit haben, sich um ihn zu kümmern als ich oder Ayaka.. Er hat dort Ruhe, mehrere private Ärzte und Lehrer, Spielkameraden, eigene Therapieräume.. alles, was er braucht.. alles, was er sich wünscht.. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einsam in dieser Wohnung verweilen müsste, wartend darauf, dass ich oder seine Mutter spät in der Nacht heimkehren.. Ich weiß, dass das aus mir einen schlechten Vater macht.. ich müsste mich um ihn kümmern, so wie ich es mir bei seiner Geburt geschworen hatte.. aber.. hinzu kommt, dass er mich seit dem Moment, als ich ihn in den Rollstuhl gesetzt habe, nicht mehr ausstehen kann.."
     Es war raus. Es hatte genau den Effekt auf Tedd, den ich erwartet und befürchtet hatte.. Tedd ließ meine Hand los und sah mich bestürzt an. Ich konnte diesen Blick nicht ertragen.. den Blick, der mir ganz genau das vermittelte, was mir selbst längst bekannt war.. Ich habe als Vater versagt.. Ich war nicht in der Lage, die Liebe meines eigenen Kindes zu behalten.. Ich konnte ihn nicht beschützen.. Ich ließ ihn mit seiner Mutter allein, obwohl ich wusste, dass es nicht gut ausgehen würde.. Ich war nicht da, als er mich am meisten gebraucht hatte.. konnte nicht hören, als er nach mir geschrien hatte..


     "Wir hatten ihn bei meinen Eltern untergebracht, als wir uns entschieden hatten, eigene Wege zu gehen", sagte ich, um Tedds Neugier weiterhin zu befriedigen. "Das war ungefähr zu der Zeit, als ich dir auf dem Strich begegnet bin.. Als ich auf dich auf dem Bahnhof gewartet hatte, um mit dir weggehen zu können, wusste ich noch nicht genau, wie ich das alles überleben sollte.. Billy wollte zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht von mir angefasst werden, er redete nicht mit mir und wenn, dann hatte er entweder Anfälle, oder er benutzte nur giftige Worte, die er weiß Gott wo aufgeschnappt hatte.. vermutlich im Fernsehen, das war damals sein einziger Freund.. Ich hielt es für eine gute Idee, für einige Zeit Abstand zu ihm zu halten.. aber nachdem mich die Polizei auf dem Bahnhof verhaftet hatte, war mein Vater zu der Meinung gelangt, dass ich als Vater völlig untauglich war.. weil ich abhauen wollte.. dabei wollte ich es gar nicht, ich wollte Billy dennoch möglichst oft besuchen und irgendwann vielleicht neu anfangen.. Er war es, der sich angeboten hatte, Billy bei sich aufzunehmen und für ihn zu sorgen.. Genauer gesagt hatte er es fast schon befohlen.. Ich wollte nicht, dass Billy bei ihm wohnte, aber komischerweise wollte er selbst beim Großvater sein.. Und er hörte nicht mehr auf, darüber zu reden, bis wir uns darauf geeinigt hatten, ihn bei meiner Familie zu lassen.."
     Tedd sprang auf und schrie: "Also war ich doch schuld daran, dass dein Sohn ohne dich aufwachsen musste!!!"
     Ich sah seine Verzweiflung und beruhigte ihn schnell: "Nein, selbst wenn ich dir damals nicht begegnet wäre, wäre es dazu gekommen. Mein Vater hatte den Vorschlag schon viel früher gemacht.. Billy.. er weiß von Ayaka, dass ich auf Männer stehe.. auch wenn er natürlich nicht verstehen kann, was es wirklich bedeutet.. aber sie hat es ihm so erzählt, dass er sich davor.. dass er sich vor mir ekelt.. Er wollte eben weg von mir.. und das wäre früher oder später sowieso passiert.."
     "Wieso hast du es ihm nicht erklärt?"
     "Ich sagte dir doch gerade, dass er mit mir nicht reden wollte.. oder mir zuhören.. und.. es hat sich seitdem nicht viel geändert.." Ich seufzte. "Ich fahre jeden zweiten Samstag zu ihm.. aber je älter er wird, desto sturköpfiger wird er.. mittlerweile.. sagt er nicht einmal ein "Hallo" zu mir.."


    Tedd musterte mich ungläubig. Es schien ihm nicht in den Kopf zu gehen, dass das alles tatsächlich die Wahrheit sein sollte, die ich bislang vor ihm verschwiegen hatte. Ich hielt seinem Blick erneut stand, denn es war alles wahr. So wahr, dass es mich schmerzte.. und gleichzeitig beschämte.. "Ich wollte nie, dass du das alles erfährst", sagte ich und zum ersten Mal schien Tedd es verstanden zu haben. "Ich wollte nicht, dass du diesen Teil von mir kennen lernst.. Den Teil, der so verdammt schwach ist.. Mit dem früher jeder machen konnte, was er wollte.. Ich wollte nicht, dass du mich bemitleidest.. sondern, dass du mich verstehst. Ich will doch stark für dich werden.. und das kann ich nur tun, wenn ich frei bin. Ich wollte dich nie in meine Familie integrieren.. In diese Familie, die mir.. die uns nur Schmerz bereiten kann.. Das Wort Familie hat für dich eine völlig andere Bedeutung als für mich.."
     Ich bemerkte zu spät, dass ich Tränen in den Augen hatte. Erst die Überraschung auf Tedds Gesicht verriet es mir. Ich wusste, dass jetzt, nachdem ich Tedd meine Geschichte erzählt hatte, seine Begegnung mit meiner Familie unausweichlich war; er würde darauf beharren, so wie er immer alles erkunden wollte, was mich betraf.. Und ich hatte solche Angst vor dem Tag, an dem er Billy kennen lernen würde.. ihn und noch jemand anderen.. denn danach.. würde nichts so sein wie bisher.. Ich wollte ihn so lange wie möglich davon abhalten.. und dennoch sah ich es jetzt immer näher kommen..


     Er kniete sich zu meinen Füßen und versuchte, mir die Tränen weg zu wischen. Ich weinte und kam mir so schwach und so nutzlos vor.. und doch empfand ich es schlimmer, seine Tränen zu sehen, jedes Mal, wenn ich ihn verletzt hatte.
     "Verzeih mir.." schluchzte ich. "In meiner Familie.. werden Herzen immer nur gebrochen.. ich kenn das nicht anders.. Es gibt nichts, was ich mehr fürchte, als dass du.. mich für immer und ewig verlässt, wenn du sie kennen gelernt hast.. dass du.. zu glauben anfängst, ich wäre genauso wie sie.. "


 

     Tedd hielt nun meine Hände in seinen. Er lehnte seine Stirn an meine und sagte sanft: "Ich weiß.. Ich.. weiß."
     Ich kann es nicht in Worte fassen, wie sehr ich mich in dem Augenblick geschämt.. und gehasst habe.. Seit dem Tag, an dem ich ihn als den verhassten Superstar gezwungen hatte, mit mir in meiner kleinen Wohnung zu leben, konnte ich ohne ihn nicht mehr sein. Egal, wie sehr ich ihn verletzt.. oder wie oft ich ihn angelogen hatte.. ich endete immer in seinen geduldigen Armen.. die mir trotz meiner Angst und all den Fehlern, die ich begangen hatte, Geborgenheit und Verständnis schenkten.. All das, was meine Familie mir niemals geben konnte..


     Ich wusste es.. ich wusste es schon lange..


     Er war zu meiner Familie geworden.

Auf Messers Schneide.. PART 4         <- click!!!


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