4.4 - Inferno Part 5

 

 

     Fünf Tage vor Weihnachten fiel endlich der erste Schnee. Tedd stand auf dem Balkon mit ausgestreckter Hand und beobachtete, wie die Schneeflocken auf seiner Handfläche schmolzen. Durch die weiße Schneedecke sah die ganze Stadt friedlich aus und Tedd wünschte sich nichts mehr, als nach draußen zu stürmen und einen Schnee-Kou zu machen. Oder mit Kou eine Schneeballschlacht zu veranstalten und sich danach ungehemmt in seiner Pascha-Ecke zu lieben.
     Beides war derzeit ausgeschlossen. Kou stand auch schon hinter ihm und dirigierte ihn zurück in die Wohnung, wo er ihn auf das Sofa zwang, ihn wieder in eine Decke einhüllte, seinen Puls und Blutdruck überprüfte, ihm danach den Fernseher anmachte und einen Tee kochte. In den letzten Tagen ging Kou ihm gewaltig auf die Nerven, wie Tedd zugeben musste. Er erlaubte ihm nicht einmal einen Finger zu rühren, geschweige denn nach draußen zu gehen; er behandelte ihn wie ein krankes Kind, dabei fühlte Tedd sich gar nicht krank! Er war nur ein wenig erschöpft, als müsste sein Körper etwas nachholen, aber sonst ging es ihm gut. Er wollte nicht den ganzen Tag nur fern schauen oder zocken. Vor Langeweile fing er an einem Tag sogar von sich aus an, das Bad aufzuräumen, aber als Kou dies sah, machte er ein bestürztes Gesicht und obwohl Tedd sich mit allen Kräften am Waschbecken festhielt, trug Kou ihn zurück ins Wohnzimmer und fesselte ihn mit seinem verärgerten Blick auf das Sofa.


     Tedd fing binnen kürzester Zeit an, sein Sofa zu hassen, es war für ihn wie ein Gefängnis. Er verschüttete seinen Tee auf der Sitzfläche, putzte sich die Hände an den Kissen ab, schmierte seine Nusstella-Brötchen auf die Rücklehne und so weiter und so fort, nur damit er nicht mehr dort verweilen musste. Während Kou das Sofa sauber machte, schlich Tedd sich meist auf den Balkon oder versteckte sich vor Kou in seinem Kleiderschrank. Aber Kou fand ihn jedes Mal binnen einiger Minuten und trug ihn wieder zurück ins verhasste Wohnzimmer. Tedd konnte es nur ertragen, auf dem Sofa zu hocken, wenn Kou bei ihm saß, er legte sich dann auf seinen Schoß und das Sofa war plötzlich der schönste Ort auf der ganzen Welt.
     Kou hatte aber einen Haufen Papiere zu erledigen, da Julian ihm angesichts Tedds Zustandes erlaubt hatte, von Zuhause aus zu arbeiten, saß er oft bis 3 Uhr nachts an seinem Notebook. Tagsüber kümmerte er sich um Tedd, fuhr ihn jeden Tag zum Check-up ins Krankenhaus, ging in der Zwischenzeit einkaufen, holte Tedd wieder ab, kochte, räumte auf, erledigte dies, erledigte das.. Nachmittags nickte er dann erschöpft ein, meist für eine halbe Stunde, und diesen Teil des Tages liebte Tedd ganz besonders. Er konnte dann Kou ungestört beobachten, ihn zur Genüge küssen und streicheln, fest umarmen und ihn sogar ausziehen, wenn ihm danach war. Kou lehnte nämlich seit dem Vorfall neulich jeden körperlichen Kontakt mit ihm ab, der über einfaches Küssen oder Kuscheln hinaus ging. "Sex ist verboten", erinnerte er Tedd immer wieder. "Tu dir das bitte nicht an.. Tu mir das nicht an!"
     "Jetzt weißt du, wieso ich es dir nie erzählt habe!", sagte Tedd irgendwann. Gemeint war die Sache mit seinem Herzen. "Willst du denn nie wieder Sex mit mir haben?"


     "Erst wenn dein Arzt es wieder erlaubt!" Kous Antwort war jedes Mal die gleiche. Und als Tedd etwas erwidern wollte, sagte Kou schnell: "Nein, ich glaube nicht, dass der Arzt es dir heute erlaubt hat! Ich will es selbst von ihm erfahren.. Und hör endlich auf damit, ihn ständig bestechen zu wollen, er informiert mich darüber. Ich weiß, wie viele VIP-Tickets und Autogrammkarten du ihm mittlerweile versprochen hast!"
     Tedd war sauer, sauer auf sein Herz, sauer auf den Arzt, sauer auf Kou, aber vor allem war er sauer auf sich, auf seinen Körper, der weiterhin ganz natürlich auf Kou reagierte, und mindestens 1000 Mal am Tag nach ihm schrie. Tedd war natürlich klar, dass Kou den Körperkontakt vor Sorge um ihn ablehnte, aber verdammt noch mal, er war doch weder behindert, noch todkrank.. Er fühlte sich gut!
     Sein Ärger wurde nur dadurch gemildert, dass er sah, dass es Kou nicht besser ging. Obwohl Kou auf Distanz ging, spürte Tedd die ganze Anspannung in seinem Körper, wenn sie sich küssten, oder wenn er sich an ihn schmiegte. Kou flüchtete dann meistens in die Küche, um sich zu beruhigen, aber die Anspannung blieb, denn Kou verhielt sich fair. In der ganzen Zeit, in der Tedd keinen Sex haben durfte, hielt Kou sich auch zurück und biss sich lieber in seine Hand, als sie zu benutzen.

     Selma und Norio besuchten Tedd regelmäßig, um mit ihm über die Arbeit zu reden. Norio, selbst in Sorge um Tedd, schlug vor, die Revival-Tour, die im März anfangen sollte, um ein halbes Jahr zu verschieben, da Kou aber darauf bestand, Tedds Herzklappen-OP so früh wie möglich zu machen, blieb alles so wie geplant.. Alles, was Tedd derzeit noch Sorgen machte, war die Weihnachtszeit.


     Jetzt waren also nur noch fünf Tage bis Weihnachten übrig. Kou, der sich angewöhnt hatte, auf dem weichen Teppich im Wohnzimmer zu sitzen, schlürfte seinen Tee und tippte etwas in sein Notebook. Dann hob er den Kopf und sah, wie Tedd, der ungewöhnlich brav auf dem Sofa saß, erneut das Treiben der Schneeflocken hinter den Fenstern beobachtete.
     "Tedd? Woran denkst du?"
     Tedd antwortete etwas verträumt: "Ich denke darüber nach, wie sehr ich dich liebe.." Er sah nicht, wie hastig Kou seinen Tee auf den Couchtisch hinstellen musste, um ihn nicht zu verschütten. "Ich denke darüber nach, wie glücklich ich an dem Tag vor genau einem Jahr war.. Weißt du noch? Wir hatten ein Date. Ein richtiges.. echtes Date, an dem du ganz allein mir gehört hast!.. Ich habe dich an dem Tag so sehr geliebt.. Komisch, dass ich mich daran erinnern kann, nicht wahr?"


     Es war tatsächlich schon ein Jahr her, überlegte Kou. Er hatte es schon heute Morgen gewusst, der Kalender mit dem Dezemberblatt vom letzten Jahr, in dem der Tag ihres Dates eingekreist war, hing das ganze Jahr über in seinem Zimmer, in der Wohnung, die er mit Ayaka teilte. Ja, an dem Tag war er auch glücklich gewesen.. so glücklich, dass er nicht aufgepasst hatte. Es war seine Schuld, dass Simon seinen Sex mit Tedd filmen und ihn später damit erpressen konnte. Er war es, der Tedd dazu zwang, Sex in der Gasse zu haben. Wäre es nach Tedd gegangen, hätten sie gemeinsam in einem Hotel geendet und nichts von den schrecklichen Ereignissen des letzten Jahres wäre passiert. Aber es war nun einmal so gekommen, wie es wohl kommen musste, dachte Kou und senkte den Kopf. Tedd hatte so viel Schlimmes erlebt, von dem das meiste auf seinem Mist gewachsen war, und trotz allem konnte er ihn lieben. Kou behielt es für sich, dass er Tedds Liebe noch nie in ihrem ganzen Ausmaß annehmen konnte. Er fühlte sich immer noch, als wäre er ihrer nicht würdig; immer, wenn Tedd ihm sagte, dass er ihn liebte (woran er allerdings nicht zweifelte), fühlte er einen leichten Stich im Herzen. Er wollte nichts weiter, als sich Tedds Liebe, jeden Teil seines Herzens, im vollen Maß zu verdienen.
     Tedd hatte sich in der Zwischenzeit wieder vom Fenster gelöst und betrachtete nun Kou, der mit gesenktem Kopf neben ihm auf dem Teppich saß. Kou saß immer mit gesenktem Kopf da, wenn er in seine Erinnerungen vertieft war und sich Vorwürfe machte; Tedd hatte das längst durchschaut. Seltsam, wie viele Sachen man bei einem geliebten Menschen merken kann, ohne ein Wort darüber zu verlieren..


     "Hey, Ben hat vor ein paar Tagen 3000 Euro im Lotto gewonnen!!" Tedd machte ein glückliches Gesicht, um Kou auf andere Gedanken zu bringen. Vor allem wollte er ihm sagen, dass er für ihn und die Verpflichtung gegenüber seiner Familie, die er schon bald antreten musste, vollstes Verständnis hatte. So sehr er noch vor ein paar Wochen darauf beharrt hatte, Weihnachten mit Kou verbringen zu dürfen, heute wollte er Kou dazu nicht mehr zwingen, eine Entscheidung treffen zu müssen. "Er hat sich für das Geld einen 80 Zoll Plasma-Fernseher gekauft. Hab ich dir schon erzählt, dass wir an Weihnachten einen Zocker-Abend machen werden? Das wird der Hammer!"
     Kou antwortete nicht. Ja, Ben war vorgestern da gewesen und hatte Tedd zugelabert, von wegen was für eine Fete er am Heiligabend daheim sausen lasse, dass er viele Freunde eingeladen habe, dass das ein Mordsspaß werde, nicht nur an dem Abend, sondern die ganze Woche über! Als Kou seine Bedenken äußerte, was Tedds Gesundheitszustand anging, keifte Ben ihn an, er würde schon auf seinen eigenen Bruder aufpassen.


     "Freust du dich wirklich darauf?", fragte Kou. "Ich meine.. zocken am Heiligabend.."
     "Ach! Na klar! Ich hab Weihnachten ja noch nie.. normal gefeiert!", lachte Tedd.
     "Normal?"

    "Naja.. was man im Fernsehen so sieht.. diese ganzen Weihnachtsfilme.." Tedd streckte sich, denn unter der Decke war ihm sehr heiß. "In den letzten Jahren war ich ja immer auf irgendeinem Weihnachtsbankett, meist auf Norios, um ihn zu ärgern, hehe.. Davor war ich ja fünf Jahre im Jugendknast, da werden Feiertage sehr sparsam gefeiert.. Und an das, was an diesen lächerlichen Tagen so alles passiert war, als ich ein Kind war, will ich mich gar nicht erst erinnern.. Carim war kein.. Mensch, der traditionell feierte.. sondern ganz eigen, wenn du verstehst.." Kou verstand es und es schnürte ihm die Kehle zu, als er sich bei Tedds Worten einen kleinen Jungen vorstellte, der sich - vermutlich nackt - unter einem biederen Weihnachtsbaum duckte und außer einem Zigarettenabdruck auf seinem Rücken kein anderes Geschenk bekam. "Ich weiß noch, dass ich an Weihnachten immer Käsetortellini gekocht habe", erinnerte Tedd sich. "Komischerweise haben die an dem Abend scheußlicher geschmeckt, als sonst.. Aber Geschenke hab ich natürlich bekommen! Ich zeig sie dir, ja?"
     Bevor Kou etwas erwidern konnte, war Tedd auch schon aufgesprungen und ins Schlafzimmer gerannt. Er kehrte mit einem großen Umschlag zurück. "Das alles haben Ben und Anika über die Jahre für mich gemacht."

     Kou war sprachlos. Solch einfache Sachen.. Papier und Buntstifte.. und krakelige, unsicher verfasste Kinderzeichnungen.. und dennoch strahlten diese kleinen Basteleien und Bilder so viel Liebe und Dankbarkeit aus, dass Kou unfreiwillig Tränen in den Augen erschienen. Genau SO fühlten Kinder.. Kinder, die einen liebten.. Kinder, die ihre Liebe und Dankbarkeit zeigen wollten.


     "Warum weinst du?", stammelte Tedd.
    Die Antwort bekam er nicht, denn Kou fragte ihn stattdessen, ob er die Sachen nicht aufhängen wolle. Sie wären der schönste Schmuck, den er jemals gesehen hatte, behauptete er, und Tedd sah ihm an, dass er es wirklich ernst meinte. Und er liebte ihn für diesen Vorschlag nur viel mehr.
     Sie hatten keinen Weihnachtsbaum, also dekorierten sie mit den Basteleien die Fenster. Ben, der etwa eine halbe Stunde später zusammen mit Anika im Schlepptau klingelte, lief rot an, als er seine "frühen Werke" sah und setzte sich sofort dafür ein, sie zu vernichten. Beinahe hätte er mit dem "Dynamischen Kou&Tedd-Duo" (welches die Bilder selbstverständlich verteidigt hatte) eine schlimme Auseinandersetzung erlebt, aber Anika meinte, es sei süß und passend, und gab Ben eine Kopfnuss, womit sie alle Streits mit ihm zu beenden pflegte.
     Ben und Anika waren gekommen, um Tedd unter anderem zu sagen, dass sie ihn gern bereits am nächsten Tag abholen würden, um ein paar Tage vor der großen Fete, die Ben geplant hatte, ganz in Ruhe unter sich zu sein. (Kou hatte Tedd seine Autoschlüssel abgenommen und meinte, dass er sie erst nach seiner Herzklappen-OP wieder zurück bekommen würde.)


     Als Kou am Abend Tedds Sachen zusammen packte, fühlte er sich sehr unwohl. Als würde er sich von Tedd verabschieden.. (Tatsächlich stand das nun einmal an..) Jedes Kleidungsstück von Tedd richtete er im Koffer liebevoll zurecht, er verpackte ordentlich seine Zahnbürste, legte ihm sein Deo und Duschgel hinzu.. Dann ging er ins Wohnzimmer, um das Hässliche Ding zu holen.
     Tedd saß auf dem Sofa und arbeitete an etwas. Als er Kou erblickte, versteckte er alles unter einem Kissen und lächelte ihn an. Kou lächelte etwas verwirrt zurück, nahm das Hässliche Ding und wollte damit zurück ins Schlafzimmer.
     "Nein!!", schrie Tedd, rannte zu ihm und nahm ihm die Puppe aus der Hand. Vorsichtig setzte er sie auf ihren Platz, neben dem Teddy, der von Kou jeden Tag mit Zuckerherzen gefüttert wurde. Als Kou meinte, er dachte, Tedd wolle das Ding mitnehmen, antwortete Tedd: "Die zwei dürfen nicht getrennt werden! Niemals wieder!!"  

 

 

    Kou beschloss, am selben Tag zu seiner Familie zu fahren, wie Tedd zu seiner, also packte er an dem Abend auch, kontrollierte dann Tedds Werte und machte ihm Pfannkuchen. Während Tedd zufrieden mampfte, klingelte Norio, der Kou seine Geschenke vorbei brachte.
     "Es ist nur Spielzeug", erklärte er dem verblüfften Kou. "Ich dachte, es wäre an der Zeit, dass ich anfange.. mich wie ein Onkel zu benehmen.."
     Kou war trotzdem verwirrt und gleichzeitig sah er etwas traurig aus. "Norio, ich.. muss dir etwas sagen.. Es gibt da etwas, das du wirklich.. wirklich wissen solltest.."
     Norio unterbrach ihn: "Ganz egal, was es ist, ich.. kann warten, bis du soweit bist. Ich will mich nur.. für alles entschuldigen. Wirklich für alles. Vor allem aber für das mit Ayaka. Ich war ein Idiot oberster Klasse und es tut mir.. echt leid.."
     Kou nickte. "Das habe ich dir schon längst verziehen.. Ohne dich.. hätte ich Tedd wohl niemals kennen gelernt.. Und genau darum geht es ja, ich.." Er fand die richtigen Worte nicht für das, was er Norio sagen wollte. Norio merkte, wie schwer es ihm fiel.


     "Hast du es ihm gesagt?", zeigte er auf Tedd, der nach einem kurzen Hallo zu Norio diesen wieder vergessen hatte und voll und ganz auf seine Pfannkuchen konzentriert war.
     "Nein", sagte Kou. "Aber ich werde es ihm bald sagen müssen!"
     "Was sein muss, muss sein", seufzte Norio. "Ich muss mich meinen Fehlern stellen.."
     Als er sich wieder verabschiedete, warf Kou ihm noch ein kleines Päckchen hinzu und nun war Norio an der Reihe, verdutzt auf das Päckchen zu schauen.
     "Ich möchte auch, dass wir uns wieder.. wie Brüder benehmen", lächelte Kou mit einem gewissen Schuldgefühl auf den Lippen. "Fröhliche Weihnachten!"
     Norio biss sich in die Zunge und fühlte sich wie ein Arsch, als er das Gebäude verließ. Natürlich, das war typisch Kou! Und er.. hatte ihm am Ende kein Geschenk gekauft.. Im Wagen machte er das Päckchen auf. Es war ihm nicht einmal eingefallen, damit bis zum Heiligabend zu warten. Im Päckchen selbst waren zwei lange Schatullen. In einer fand er einen edlen Kalligraphiestift aus Elfenbein, mit dem man sehr leicht elegante Musiknoten aufs Papier zaubern konnte. In der zweiten Schatulle lag eine mit Swarovski-Kristallen verzierte Krawattennadel in Form einer gewellten Notenzeile, auf der ein Notenschlüssel, sowie 3 weitere Musiknoten befestigt waren.


     Beeindruckt und verärgert zugleich sank Norio tiefer in seinen Sitz. Er hätte es tun sollen.. er hätte verdammt nochmal ein Geschenk für Kou besorgen müssen! Für Tedd hatte er ja die Videospiele, aber Tedd würde er an Weihnachten sowieso sehen, denn er nahm sich fest vor, auf Bens Party aufzukreuzen, auch wenn er nicht eingeladen war.. Aber seinen eigenen Bruder.. sah er in diesem Jahr ganz sicher zum letzten Mal.


     'Danke', schrieb er Kou eine SMS. 'Dein Geschenk bekommst du noch!'
     In der Antwort-SMS von Kou stand nur ein Smiley: '(^__^)'

 

 

    "Vergiss nicht, morgens und abends deine Werte zu kontrollieren! Ich werde dich anrufen und dich abfragen!"
     "Jaja.."
     "Und mach nichts, was dich aufregen würde! Wenn du spürst, dass etwas nicht in Ordnung ist, hörst du auf, zu zocken!"
     "Schon klar, jetzt geh endlich!"


     Mann, war das nervig! Kou stand in der Tür, klirrte mit seinem Autoschlüssel und hielt Tedd schon seit fünf Minuten letzte Vorträge darüber, auf was er in seiner Abwesenheit achten sollte. Er hatte vom korrekten Zähneputzen bis zum Pflichttragen von Schal und Mütze bei Temperaturen um 7-10 Grad wirklich alles erwähnt. Und trotzdem überlegte er jetzt weiterhin, ob er etwas ausgelassen hatte! War das zu fassen?
     "Du wolltest schon vor einer halben Stunde losfahren", erinnerte Tedd ihn und schaute auf die Uhr. "Ben und Anika werden gleich kommen, du kannst echt beruhigt gehen! Ich werde dich jeden Tag fünfzigmal anrufen!"
     "Hundert, habe ich gesagt!" Kou bestand darauf; bewegte sich dennoch nicht von der Stelle. Nervös stapfte er von einem Fuß auf den anderen und Tedd musste lächeln, weil er auch diese Geste von Kou kannte.
     "Wenn du nicht gehen willst, dann sag es!", sagte er verständnisvoll, aber Kou schüttelte den Kopf.
     "Ich muss", meinte er.
     "Schon klar.. Soll ich dich zum Wagen begleiten? Ich hab eh noch ein Geschenk für dich."


    Das Geschenk war eine große Kiste, die Tedd zum Wagen herunter trug. Kou hatte Bedenken, ob sie überhaupt in seinen Kofferraum passte und schlug vor, sie jetzt schon auszupacken. Er bekam einen Klatsch auf die Handfläche. "Erst an Weihnachten!", befahl Tedd, der es am doch Ende geschafft hatte, die Kiste im Kofferraum zu verstauen. Die vielen Kratzer, die das Auto sich dabei eingefangen hatte, beachtete er nicht.
     "Ist es wirklich in Ordnung, wenn ich jetzt gehe?", fragte Kou erneut. Er fragte diesen Satz in den letzten 24 Stunden sehr oft.
     "Ja, natürlich!", antwortete Tedd. "Hab Spaß! Und wenn du wieder zurück bist, holen wir alles nach!" Er drückte ihm noch eine große Papprolle in die Hand. "Das bitte auch erst an Weihnachten aufmachen.. und jetzt geh endlich, sonst überlege ich es mir noch und kette dich an meinem Bett an!"


     Sie küssten sich zum Abschied, tief und innig. Normalerweise waren sie draußen auf der Straße vorsichtig, aber heute war ihnen alles egal. Kou zog sich seinen Mantel aus und legte ihn auf den Rücksitz und als er sich danach umdrehte, war Tedd nicht mehr da. Kou seufzte. Es war wirklich schwer, Abschied von einander zu nehmen.. Er machte den Kofferraum zu, setzte sich ans Steuer und dann fiel ihm ein, dass er Tedd noch etwas sagen wollte. Er holte sein Handy heraus und rief ihn an.
     Plötzlich erstarrte er. Bildete er sich das ein, oder hörte er tatsächlich Tedds Klingelton hier im Wagen? Hinten im Kofferraum krachte etwas. Kou stieg mit einer bösen Vorahnung aus, öffnete den Kofferraum wieder, sowie Tedds Geschenkkiste, aus der die Melodie kam..

     Er fand einen blinden Passagier.

 

     Die Kiste landete in der Mülltonne.
     "Du hast sie echt nicht alle!", schimpfte Kou. "Was sollte das? Hast du wirklich gedacht, so könntest du bis Weihnachten überleben???" Kein Wunder, dass Tedd sich so bereitwillig von ihm verabschiedet hatte!!
     Tedd sah äußerst enttäuscht aus, dass sein Plan in die Brüche ging. "Naja.. einen Versuch war es wert.."
     "Tedd!.. Ich -"


     In dem Moment klingelte Tedds Handy erneut. Er ging etwas zu hastig ran. "Ben?.. Ah, ihr kommt in 15 Minuten? Alles klar! Ich hole meinen Koffer und warte draußen auf euch!.. Ja, bis gleich!" Tedd war bei dem Gespräch bereits ins Haus gegangen, er drehte sich in der Tür um und winkte Kou zum Abschied.
     Kou rief ihm noch etwas nach, aber Tedd stieg in den Aufzug und kehrte in seine Wohnung zurück. Der Plan mit dem blinden Passagier war echt kindisch gewesen, sagte er sich. Nein, er war gut, aber er hätte sein Handy ausschalten sollen!!, ärgerte er sich im Nachhinein. Er ging ans Fenster und sah auf die Straße. Kous Wagen verließ soeben die Einfahrt und düste davon.
     Er hatte es also tatsächlich getan.. Kou hatte ihn allein gelassen.. Bis zur letzten Sekunde hatte Tedd auf ein Wunder gehofft, aber nichts dergleichen geschah. Kou sah zwar öfters so aus, als wollte er vorschlagen, nicht zu gehen, aber am Ende sagte er dennoch nichts und Tedd hatte sich vorgenommen, stark zu sein und ihn nicht darum zu bitten. Jetzt schimpfte er mit sich. Er hätte ihn bitten sollen.. er hätte betteln sollen, alles wäre zu ertragen, wenn nur Kou da geblieben wäre..!


     Etwas traurig löste er sich wieder vom Fenster. In Wahrheit hatte Ben angerufen, um ihm mitzuteilen, dass er erst in einer Stunde kommen könne, weil er mit Anika im Einkaufszentrum feststeckte, aber Tedd wollte Kou nicht noch länger aufhalten. Mit jeder Minute wollte er ihn weniger gehen lassen. Er schaute sich im Raum um. Die ganze Wohnung war aufgeräumt, sein Koffer stand ordentlich gepackt neben der Tür, Kou hatte ihm Jacke, Schal und Mütze auf den Tisch gelegt. Die ganze Wohnung war selbst jetzt mit Kou gefüllt, obwohl er bereits weg war. Tedds Blick blieb an der Kommode haften, auf der Teddy und das Hässliche Ding immer verweilten. Sie waren beide weg. Kou durfte sie nicht trennen, also nahm er sie beide mit, damit er den Teddy weiterhin täglich mit Zuckerherzen füttern konnte. Tedd musste lächeln. Genau deswegen liebte er Kou ja so sehr..
     Dann bemerkte er ein kleines Päckchen auf der Kommode. Es war von Kou, er hatte es sicher dort hingelegt, weil er wusste, dass Tedd sich nach den zwei Miniaturen ihrer selbst umsehen würde. Ähnlich wie auf Tedds Geschenk, stand auch hier: "Bitte erst an Weihnachten aufmachen!"


     Denkste.
    Tedd zerriss das Geschenkpapier im Nu und holte zu seiner Überraschung das Armband heraus, das Kou ihm zu seinem Geburtstag geschenkt hatte und welches er später kaputtgemacht hatte. Es war wieder repariert. Tedd hatte die ganze Zeit nicht danach gefragt, weil er sich schämte, es kaputtgemacht zu haben und dachte, Kou hätte es beim Aufräumen weggeworfen.. und Kou hatte nie auch nur mit einem Wort erwähnt, was er mit dem Armband gemacht hatte.
     Tedd befestigte es wieder an seinem Handgelenk. Er merkte dabei, dass das kleine Kreuz nicht mehr da war, an seiner Stelle hing eine komische Acht, die seltsamerweise an das Unendlich-Symbol erinnerte.
     Im Päckchen war noch ein neues Y-Pad für ihn, auf dem ein Zettel klebte: SKIPE. Tedds Herz hüpfte vor Freude. Er war kein Freund des Internets (seinen eigenen Blog vergaß er auch regelmäßig) und deswegen hatte er nicht an die Möglichkeit des Videochats gedacht. Wenn er so darüber nachdachte, war Telefonsex wirklich altmodisch.. Er konnte es kaum noch erwarten, mit Kou zu chatten. Ben würde ihm schon zeigen, wie man ein Y-Pad bedient!
     Und dann war da noch eine ganz simple DVD in einer Klarsichthülle. Sie trug die Beschriftung: "Ich hab die gleiche dabei." Das machte Tedd neugierig, und da er noch Zeit hatte, bis Ben kommen würde, schob er sie in den DVD-Player.


     Seine Knie wurden weich, so dass er sich hinsetzen musste, als der Film, welcher auf der DVD war, anfing. Es war ein Heimvideo, das Kou in den letzten Tagen - oder Nächten - gedreht haben musste, als Tedd tief geschlafen hatte. Für einen normalen Betrachter wäre es nichts Besonderes, aber Tedd verlor sich sofort im stillen Rauschen des Films. Er sah sich selbst in seinem Bett, schlafend; er war allein, und tastete nach einer Weile um sich herum; er stöhnte Kous Namen und Kou gesellte sich zu ihm, nachdem er die Kamera (Kamera??) am anderen Bettende eingerichtet und eingestellt hatte. Kou nahm ihn in seine Arme und streichelte ihn sanft. Nach etwa zwei Minuten drehte sich der Tedd im Bett auf die andere Seite um und zeigte Kou so seinen vernarbten Rücken. Und Kou streichelte und küsste eine Narbe nach der anderen, danach drehte er Tedd zu sich um und küsste seine neueste Narbe, die auf der Brust, ganz besonders lange. Tedd im Bett stöhnte, weil ihm die Schlafposition nicht gefiel und kuschelte sich wieder in Kous Arme hinein. Kou blieb noch lange wach, streichelte Tedds Wangen und küsste seine Stirn, er sagte immer wieder zu ihm, wie sehr er ihn liebte, und wie glücklich er war, dass es Tedd gab.. dass er ihm begegnen durfte.. und dass Tedd am Leben war.. Irgendwann vergaß er die Kamera und schlief auch ein.
     Tedd war verloren in Tränen. Die tiefe Intimität, die aus diesem Video ausging, ließ sein ganzes Herz erzittern. Kous zärtliche Berührungen hatte er immer nur gespürt, erst jetzt konnte er sie sehen, er sah, wie sanft Kou die Hand.. oder die Lippen über seinen Körper legte.. und wie viel Liebe in jeder dieser Berührungen steckte.. Es war traurige Liebe, Liebe, die von Angst gefüllt war, alles zu verlieren und nie wieder die Chance dazuzubekommen, den geliebten Körper zu sehen..
     Wie kam es, dass er mit Kou die gleichen Gedanken und Gefühle teilen konnte? Auch Tedd blieb oft lange wach, wenn Kou vor ihm eingeschlafen war, und betrachtete ihn auf ähnliche Weise. Auch er streichelte und küsste ihn.. und sagte ihm immer wieder, dass er ihn liebte. Auch er hatte Angst, Kou zu verlieren, jederzeit.. Genau deswegen sagte er nichts, wenn Kou fort ging, er sollte ihn weiterhin lieben, anstatt in Schuldgefühlen zu ertrinken, dass er Weihnachten nicht mit seinem Sohn verbringen konnte.


     Und dennoch.. fehlte Kou ihm! Er war kaum eine halbe Stunde weg und schon fehlte er Tedd so sehr, dass er beinahe aufgesprungen und ihm nachgerannt wäre. Tedd hatte PAUSE auf der Fernbedienung gedrückt, als er Kous Bild im Fernseher vor sich hatte. Er küsste ihn durch die Scheibe auf den Mund, aber die Scheibe war glatt und überhaupt nicht warm.
     "Komm zurück", weinte Tedd, der genau in diesem Augenblick überhaupt keinen Plan hatte, wie er die folgenden Tage ohne Kou überleben sollte. Er rollte sich zusammen und weinte still vor sich hin. "Lass mich nicht allein..!"
     Als später die Tür aufging, hörte er nicht auf, zu weinen. Es war ihm egal, was Ben von ihm denken würde..

 

     Kou stöhnte hinter dem Steuer auf. Kaum war er aus der Stadt herausgekommen, schon gab es einen Stau bei einer neuen Baustelle. Was bauen die immer im Winter? Er machte das Radio an und den Motor aus. Es ging nur langsam voran, so dass Kou dazu verdammt war, weiterhin über Tedd nachzudenken.
     Er fühlte sich, als würde alles um ihn herum zusammenbrechen. Seit er Tedd aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht hatte, wartete er darauf, dass Tedd ihn erneut bat, nicht an Weihnachten weg zu gehen.. Er würde nicht gehen.. Er wollte nicht gehen.. Tedd in dieser Zeit zu verlassen, war für ihn eine Qual. Er wartete bis zur allerletzten Minute, aber Tedd sagte nichts.. Wollte er am Ende doch nicht mit ihm feiern? Ob er etwas wegen seinem Zusammenbruch und dem Grund dafür ahnte? Hatte er Angst bekommen und wollte etwa auch auf Abstand gehen?


     Fast hätte Kou dies tatsächlich geglaubt, aber Tedds verzweifelter Versuch von vorhin überzeugte ihn davon, dass Tedd nicht fort von ihm wollte. Nicht einmal die Puppen wollte er voneinander trennen.. Kou umklammerte fest das Lenkrad. Aber was konnte er denn tun? Wenn es einen Ausweg gäbe.. oder einen Kompromiss.. Er war so selten mit seiner Familie zusammen; kein Wunder, dass sie auf diese Weise keine Fortschritte machten!.. Weihnachten war die einzige Zeit im Jahr, wo er mehrere Tage mit Billy und den anderen verbringen konnte.. Und dennoch.. wollte er in dieser Zeit mit Tedd zusammen sein.. Er wollte sich in dieser Zeit der Liebe geliebt fühlen.. und nicht gehasst.. Er wollte nicht ignoriert, sondern gebraucht werden..
     Er schaute auf die Uhr. Tedd war schon längst mit seinen Geschwistern zusammen. Sie würden schöne Tage miteinander verbringen, ganz sicher. Tedd würde vielleicht gar nicht dazu kommen, ihn zu vermissen.. Er vermisste Tedd jetzt schon. Er liebte es, wenn Tedd an seiner Seite im Wagen saß und ihn mit flüchtigen, sinnlosen Bemerkungen über dies und das auf der Straße unterhielt. Kous Blick wanderte automatisch nach rechts, aber der Sitz neben ihm war leer. Nur die Papprolle lag dort, die Tedd ihm zu Weihnachten geschenkt hatte.
     Da er Zeit hatte, weil der Stau sich gerade extrem langsam vorwärts bewegte, machte er die Rolle auf. [Ungeduldig diese Charaktere, echt.. Anm. der Autorin]. Er holte einen gefalteten DIN A3-Papierbogen heraus. Das Papier war so gefaltet, dass das Erste, was er sehen konnte, ein blauer Prinz war, der sich auf dem Boden vor etwas duckte. Neben ihm stand ein Papierbecher mit der Aufschrift 0,1% Fett. Kou begriff sofort, wen der blaue Prinz darstellen sollte. Um zu sehen, wovor der Prinz sich fürchtete, musste er das Papier auseinander falten.

 

    Kou starrte das Bild an, so lange, bis der Fahrer hinter ihm verärgert hupte. Der Stau hatte sich schon einen großen Stück nach vorne bewegt. Kou startete den Wagen und fuhr vorwärts, als plötzlich alles vor ihm verschwamm. Er wischte sich hastig die Tränen aus den Augen. Beim Fahren drehte er das Papier um. Auf der Rückseite stand: "Omeleto, Kou!" (Es sollte "Omedetou" darstellen, was die Vereinfachung von "Alles Gute zum Geburtstag" auf Japanisch bedeutete, aber "Omeleto!" gefiel Kou viel mehr.) Unter dem Glückwunsch war noch eine Zeichnung des Prinzen, wie er glücklich mit dem Ritter schmuste. Beide waren sie in einem krakeligen Herz eingemauert.
     Einfacher konnte man ein Geburtstagsgeschenk nicht gestalten. Und dennoch.. war es das erste Mal in Kous Leben, dass er ein selbstgemachtes Bild geschenkt bekam. Daran hatte Tedd also gestern so fieberhaft gearbeitet!


     Tedd hatte ihm ein Bild gezeichnet. Es war das erste richtige Geschenk, dass Kou von Tedd bekam (wenn man diverse Kleinigkeiten, sowie die Zickzack-Strähne nicht mitrechnete, welche Kou immer noch in einem Lederbeutel um den Hals trug und die Tedd komischerweise niemals wieder nachgewachsen war). Vielleicht ahnte Tedd, was in Kou vor sich ging, als er gestern die ganzen Bilder gesehen hatte, die Tedd von seinen Geschwistern bekommen hatte; vielleicht wusste er aber auch nicht, was er Kou schenken könnte; und vielleicht wollte er ihm etwas von Herzen schenken und wenn Tedd etwas kannte, was mit Liebe entstanden war und auch Liebe in sich trug, dann waren das selbstgemachte Bilder. Tedds Zeichnungen waren allesamt etwas krakelig und unsicher und doch konnte man auf den ersten Blick erkennen, dass er sich mit dem Prinzen die größte Mühe gemacht hatte. Das ganze Bild vermittelte den Eindruck, als hätte es ein Grundschüler gezeichnet (wenn nicht gar eine Grundschülerin, wenn man die vielen Herzchen betrachtete, mit denen der Tedd-Ritter gegen die bösen Drachen kämpfen wollte), aber Kou war sofort klar, dass Tedd ihm nur seine Gefühle und Sorgen mitteilen wollte, auf eine Art und Weise, die er selbst am besten verstand. Aber das Bild sagte noch etwas Anderes, etwas Wichtiges aus. Nur Tedd war in der Lage, Kou zu beschützen. Nur er.
     Kou nahm ohne weitere Gedanken die nächste Ausfahrt, die ihn nach Hause führte.

 

     Als er die Tür aufmachte, war er sich sicher, er würde die Wohnung leer vorfinden. Stattdessen hörte er ein leises Schluchzen und stürzte sich kopfüber ins Wohnzimmer. Tedd lag unter dem Fernseher und weinte; man sah ihm deutlich an, dass er bereits einige Minuten dabei war, Tränen zu vergießen.


     "Tedd! Tedd!", rüttelte er an ihm. "Was ist mit dir? Tut dir etwas weh?"
     Tedd brauchte etwas Zeit, um ihn zu erkennen. "K-Kou?", stammelte er. Halluzinierte er etwa? Kou saß doch gerade noch in seinem Wagen, er war auf dem Weg zu seiner Familie!! "Wolltest.. du nicht nach Hause..?"
     "Ich bin doch Zuhause", antwortete Kou und Tedd warf sich um seinen Hals und weinte noch etwas.
     "Es tut mir leid, ich.. will nicht, dass du gehst!! Lass mich nicht allein! Lass mich bitte.. nicht allein!!" Tedds Finger verkrampften sich an Kous Kragen, so fest hielt er ihn..
     Kou umarmte ihn und sagte: "Ich lasse dich nicht allein. Nie wieder!"
    Tedd beruhigte sich schließlich, wie immer, wenn er in Kous Armen lag. Ab und zu zuckte er noch oder schniefte, aber die Tränen hörten auf. "Wieso bist du nicht bei Ben?", fragte Kou und als Tedd es ihm sagte, schüttelte er verzweifelt den Kopf. "Du bist echt unmöglich!"


     Der unmögliche Tedd bekam trotzdem einen Kuss, danach einen weiteren. "Du bleibst also da?", fragte er zufrieden.

     "Das geht nicht", sagte Kou. "Ich muss hin.. Kommst du mit mir?"
     Er hatte es ausgesprochen. Tedd starrte ihn ungläubig an. Hatte er sich etwa verhört? "Du.. willst, dass ich mit dir.. fahre?" Kou nickte. "Und.. deinen Sohn.. Billy.. kennen lerne?" Kou nickte erneut. "A-aber.. dein Vater.."
     "Vater und Mutter sind noch drei Tage verreist", verriet Kou. "Das schaffen wir schon." Er war sich selbst nicht sicher, wie das zu schaffen war, aber diesmal wollte er nichts planen. Tedd in das Haus seiner Eltern zu bringen war wohl die spontanste Idee, die er je bekommen hatte.. und er wollte sie auch spontan umsetzen. "Ich.. werde meinem Vater sagen, dass ich dich liebe", sagte Kou und streichelte Tedds Wange. Tedd musste sich zwicken. Das hier war nur ein Traum, oder? Das.. musste ein Traum sein!! "Ich werde ihm sagen, wer ich bin und was ich sein möchte.. Aber dazu brauche ich dich! Weißt du noch? Du hast gesagt, du wirst meine Hand halten, wenn der Augenblick kommt.. Ohne dich kann ich das nicht schaffen."

 


     Tedd erinnerte sich an seine Worte und nahm Kous Hände in die seinen. "Ich werde deine Hand halten! Die ganze Zeit, wenn es sein muss! Ich werde dich beschützen!"
     "Das weiß ich, mein kleiner Ritter", lächelte Kou.
     Tedd lief rot an. "Du hast mein Geschenk ausgepackt!!"
    "Und du meins." Kou deutete auf das Armband an Tedds Handgelenk. "Bitte, sei das nächste Mal etwas vorsichtiger damit."
     "Versprochen!", schwor Tedd.

 


     Eine Viertelstunde später legte Kou Tedds Koffer zu seinem und machte den Kofferraum zu. Tedd hatte in der Zwischenzeit Ben angerufen und ihm erklärt, dass er mit Kou wegging, woraufhin Ben ihn einen egoistischen Bruder nannte, der nichts anderes im Kopf habe, als den noch egoistischeren Anwalt und sie beide zum Teufel jagte. Kou behielt es für sich, dass er nur eine Minute später eine SMS von Ben bekam, in der stand: 'Danke. Pass gut auf ihn auf, sonst knallt's!'
     Tedd hibbelte regelrecht, während er seinen Platz in Kous Wagen einnahm. Endlich! Endlich fühlte er sich wie ein richtiger Teil von Kous Leben! Kou tankte noch in der Stadt und versorgte Tedd mit Knabberzeug von der Tankstelle. Die Fahrt sollte laut Kou drei Stunden dauern, wenn nicht sogar länger, bei den ganzen Staus.. Aber mit Tedd an seiner Seite war keine Fahrt zu lang oder langweilig, das war mehr als sicher.

  4.4.6 - Inferno PART 6        <- click!


Impressum | Datenschutz | Sitemap
KILLING IAGO©Carlsen Verlag GmbH,Hamburg 2008/Zofia Garden