EXTRA ZUM VALENTINSTAG 2012

 

14. 2. 2009

 


                                                                  - NORIO -

 

 

     Ach, heute war wieder dieser bescheuerte Tag, an dem rote Herzen aufgehängt werden..


     Als hätte man sonst nichts zu tun..
    Hätte ich die Zeitung nicht in die Hand genommen, wäre er an mir vorbeigeflogen, wie all die anderen Jahre auch..
     Ich setzte mich mit der Zeitung in der Hand zurück aufs Bett. Leise. Tedd schlief noch, er lag quer auf der Matratze, erschöpft nach unserer wilden Nacht. Ja, sie war wild.. alle Nächte mit ihm waren wild. Ich war schon lange nicht mehr so befriedigt wie in letzter Zeit.. Nicht nur körperlich, nein.. Ich spreche von Befriedung jeglicher Art von Sehnsüchten, die über viele Jahre hindurch in einem Mann wachsen und gedeihen.. und sich niemals mit weniger als dem Original, dem Ursprung des Verlangens, zufriedengeben könnten..
     Da lag es, mein blondes Verlangen.. In meinem Haus, in meinem Bett, auf meinem Bettlaken.. Da, wo ich ihn immer haben wollte, meinen kleinen Rebell.. Ich nahm seinen verführerischen Duft so deutlich wahr, dass ich beinahe erneut über ihn hergefallen wäre.. Er würde es sicher begrüßen..
     Na, vielleicht mache ich das nachher..


    Die Hälfte der Zeitung war mit Valentinstags-Werbungen verseucht, so dass ich sie heute nur durchgeblättert und dabei schnell die Aktienkurse angeschaut hatte. Kurz bevor ich sie weglegte, blieb ich doch an einem großen Herz hängen, einfach weil es zu groß war, um es zu ignorieren..
     "ZEIGEN SIE HEUTE IHREM LIEBSTEN, WIE SEHR SIE IHN LIEBEN!" (Geht ein Reim noch einfacher zu gestalten??) "SEINE LIEBE IST IHNEN FÜR DIE NÄCHSTEN 365 TAGE SICHER!" Darunter waren noch viele Herzen aus Schokolade abgebildet.


     Ich wusste schon lange, dass Tedd sich für den Valentinstag genauso (wenig) begeisterte wie ich und sich nichts aus Schokolade, oder Liebesgeschwafel machte. (Nun, ich muss zugeben, so ganz sicher war ich mir trotzdem nicht, vor allem nach der ganzen Sache mit Kou. Ich hatte noch gut in Erinnerung, dass mein Bruder Tedd mit genau diesen Mitteln an sich gebunden hatte.) Ich warf die Zeitung weg, doch bevor ich mich wieder zu Tedd hinlegte, holte ich seine 5-Meter-lange Wunschliste aus dem Nachttisch heraus und studierte sie ganz genau.
     Ferraris, Videospiele, Fußballtickets.. das alles hatte ich bereits besorgt. (Eine Villa kam nicht in Frage, er würde für immer bei MIR bleiben, wozu dann ein Extra-Haus?) Ich schenkte ihm alles nach und nach, das erfreute mich mehr.. Auch wenn ich das merkwürdige Gefühl hatte, dass es ihm gar nicht um die Sachen an sich ging. Er flippte jedes Mal aus, wenn er etwas bekam, und bedankte sich auch, so wie es sich gehörte.. Aber am nächsten Tag interessierten ihn die Sachen, die ich ihm schenkte, nicht mehr.. Ich war mir sicher, er wollte mich nur testen.. Er wollte wissen, wie viel wert er mir war..
     Er wusste ganz genau, was er wollte; er hatte immerhin alles aufgeschrieben.. Selbst wenn, womit könnte ich ihn denn überraschen?


     Komischerweise kam mir die Idee beim Frühstück. Wir waren immer noch im Bett, umgeben von mehreren Tabletts, von denen er sich aussuchen konnte, auf was er Lust hatte. Seit Anfang Januar waren Pfannkuchen in diesem Haus verboten (der Impuls kam von ihm), also sah ich ihm zu, wie er drei Eier vernichtete, mehrere Toasts, Obst und Müsli.. er aß in letzter Zeit viel.. zu viel, wie es mir erschien, aber es lag vermutlich daran, dass ich ihn so viel beschäftigte.. François, der aktuelle Küchenchef, war darüber natürlich erfreut.. Aber seine Freude könnte sich auch darauf beziehen, dass er bereits 3 Wochen für Tedd kochen durfte.. womit er seine Vorgänger um genau 2 Wochen und 5 Tage übertraf.
    Ich trank meinen Kaffee, wie jeden Morgen. Tedd bekleckerte sich gerade mit Kaba (Jawohl, er hatte sich Kaba gewünscht! Aus welchem Grund auch immer..). Jeder andere Mensch hätte sich entweder eine Serviette oder von mir aus auch das Bettlaken geschnappt und sich abgeputzt. Nicht Tedd. Er setzte sich gerade hin und forderte mich auf, ihn abzulecken.


     Ich hob eine Augenbraue. "Ich bin nicht dein Hund!"
     Er keifte beleidigt: "Jetzt sei doch nicht so ein Langweiler!! Ich schmecke vorzüglich, nur damit du es weißt!!" Ich antwortete, dass ich darüber mittlerweile wirklich gut Bescheid wusste, aber er bohrte weiter nach. "Oder soll ich mich mit Nutella bestreichen, damit du Lust bekommst? Nur so nebenbei, das war mal meine Lieblingsbeschäftigung, als ich noch.." Er hielt inne.. Als ich noch mit Kou zusammen war, wollte er sagen. Stattdessen wurde er unangenehm still, was mich dazu bewegte, mich zu ihm zu beugen und die eklig süße Milch tatsächlich von ihm abzulecken. Nach und nach. Ganz langsam.
     "Ich dachte, du magst keine Schokolade", sagte ich. Ich wollte ihn ablenken. Er dachte oft an Kou, sehr oft.. ich sah es ihm an.. konnte es ihm allerdings nicht verbieten.. Dennoch.. in meinem Bett durfte er nicht an meinen Bruder denken. Nur an mich!

 

 

     "Nein, nur den Valentinstagsscheiß mag ich nicht", antwortete er. "Der Schokoteddy steht voll auf Süßes!.. So ein Schokoferrari, das wär's!.. Das kannst du doch sicher irgendwie einrichten lassen!", fügte er hinzu, als ob es bereits beschlossene Sache wäre..


     
     An diesem Tag nahm ich ihn mit ins Schokoladenmuseum. Ein paar Anrufe von Daniel und eine beträchtliche Spende von mir bewirkten, dass wir das Museum samt Personal für uns allein hatten. Eigentlich hielt ich das für eine wirklich gute Idee..
     Das Erste, was mir dann allerdings negativ aufgefallen war, war die Tatsache: "Ich bin zu alt für diesen Knaben!"
     Ich weiß, ich sagte mir das immer wieder.. aber noch nie wurde es mir so bewusst gemacht, wie heute. Ich hatte mir das so vorgestellt, dass ich Tedd in die Obhut des Personals übergebe und während ich irgendwo gemütlich beim Kaffee sitzen würde, könnte Tedd sich seinen Ferrari gießen.. oder was auch immer er haben wollte..


     Stattdessen zwang er mich dazu, mit ihm stundenlang Schritt zu halten, ich musste ihm im ganzen Museum kreuz und quer hinterherjagen, wie einem ungehorsamen Kind..
     "Guck mal, Norio!", schrie er von der Theke aus und bevor ich auch nur einen Schritt zu dieser machen konnte, rannte er bereits zu der Treppe, von wo aus er mich erneut rief, dann wieder verschwand und sich aus einer Ecke meldete; mal war er hier, mal dort, er rief meinen Namen und wollte mir ununterbrochen etwas zeigen, kam aber nie dazu, weil ihm alle 10 Sekunden etwas anderes im Gebäude auffiel..

 

Opa Norio XD
Opa Norio XD


     "Ja, ja, schau dich doch einfach um!", winkte ich ab und wollte mich hinsetzen. Kaum hatte ich mich umgedreht, war er auch schon bei mir, hielt mich am Ärmel fest und zog mich mit sich. Danach ließ er mich mitten in einer Halle stehen, versteckte sich zwischen Sarotti-Männchen, äffte dem goldenen Hasen nach, ritt auf einer lila Kuh, bediente sich an den Theken, auf denen explizit Schilder mit "Bitte keine Selbstbedienung" standen.. Kurz gesagt, er trieb mich in den Wahnsinn.
     Bis mir einfiel, dass er als Kind vermutlich nie in einem Schokoladenmuseum gewesen war. Es war nicht so, dass er noch nie davon gehört hätte, aber es war für ihn auf eine ganz spezielle Art und Weise spektakulär.. Es faszinierte ihn und ich sah in seinen Augen unverfälschte Begeisterung für so etwas einfaches wie Schokolade.. Ich hatte ihm (fast) jeden seiner Wünsche erfüllt, der auf seiner Wunschliste stand und doch hatte er bei keinem Geschenk solch überwältigenden Sterne der Freude in den Augen (bis auf den Ferrari vielleicht..) wie jetzt. Ich musste etwas traurig lächeln, als mir klar wurde, dass all mein Geld mir nicht helfen würde, das Herz dieses Knaben zu erobern. Ich könnte vermutlich alles, was ich hatte, ihm überschreiben.. dieses Leuchten in seinen Augen würde trotzdem nicht erscheinen..
     Es war aber auch etwas Positives dabei: Ich hatte heute etwas richtig gemacht. Ich hatte ihn glücklich gemacht, richtig glücklich. Und bei diesem Gedanken wärmte mich mein Herz so stark wie noch nie zuvor.


     Das Personal erlaubte ihm, einen großen Schokoladen-Ferrari zu gießen, das hatte ihm wohl am meisten Spaß bereitet.
     Als er damit zurück kam (der Ferrari war vielleicht 1,5 Meter lang; die Gießform war eine Sonderanfertigung, die im Ultra-High-Speed-Tempo heute Morgen angefertigt wurde, für schlappe 50 000 Euro..), bekam auch ich ein Geschenk. Es war in rotem Geschenkpapier eingepackt, ich durfte es erst daheim öffnen.
     Nach den ganzen schokoladigen Stunden waren wir dann noch ordentlich essen, und machten einen Hubschrauber Rundflug über die Stadt. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass Tedd den Hubschrauber vollgekotzt hatte.. Es war eindeutig viel zu viel für ihn gewesen..


     Wieder zuhause verschwand er in seinem.. in meinem Zimmer, während ich kurz mit Daniel sprechen und einige Formulare unterzeichnen musste. Ein paar Minuten später, auf dem Weg zu Tedd, packte ich das Geschenk aus, das er mir im Schokoladenmuseum überreicht hatte.

   Es war ein Päckchen mit Schokoladenzigaretten, einzeln gegossen und mit weißer Schokolade überzogen, so dass sie wirklich wie waschechte Zigaretten ausgesehen hatten. Natürlich konnte er nicht umhin, eine große Zunge in die Zigarettenpackung einzuritzen. "Ausnahmsweise!" hieß die Zigarettenmarke.. und sie schmeckte..

 


     Im Zimmer angekommen, bemerkte ich zuallererst ein anderes Päckchen, das auf meinem Bett lag. Es war offen und leer; anhand der Zustelladresse und der Briefmarke konnte man sehen, dass es mit der Post gekommen war. Muss wohl heute gewesen sein, während wir weg waren..
     Der Schokoladen-Ferrari lag vergessen auf einem Tisch. Ich begab mich auf die Suche nach Tedd, der nicht im Zimmer war, und fand ihn eine Weile später im Wintergarten. Er saß vor einer der Glasscheiben und kaute an etwas; mit den Gedanken war er ganz woanders.. Als ich näher an ihn herantrat, sah ich, dass er eine Tüte mit seltsamen Gummibärchen in der Hand hielt. Sie waren weiß, aus Schaumzucker, und hatten ein rotes Herz auf dem Bauch.


   Tedd schaute in die Ferne und naschte an den Gummibärchen. Er vernichtete sie systematisch; er biss immer zuerst den Kopf des Bären ab und aß dann den Rest.

 


     "Hey", sagte ich und setzte mich zu ihm. "Von wem hast du die?"
     "Keine Ahnung", antwortete er, immer noch in die Ferne schauend. "Ich habe sie auf dem Bett gefunden."
     "Wie hat dir der heutige Tag gefallen?", fragte ich ihn nach einer Weile, um das Thema zu wechseln.
     "Hm.."
     War das alles? Das war enttäuschend..
     "Vielleicht könnten wir das ja bald wieder machen", schlug ich vor.
     "Hmm.." Er schien mich immer noch nicht ganz wahrzunehmen..
     "Wollen wir nachher zusammen den Ferrari aufessen?" Langsam verzweifelte ich.
     "Hm..."
     "Was ist mit dir los?" Dabei war der Tag doch sehr schön gewesen..
     Er ließ sich Zeit mit der Antwort, schaute immer noch aus dem Fenster und köpfte seine weißen Gummibären. "Ich.. weiß nicht.. Ich hab das Gefühl, als habe ich etwas ganz Wichtiges.. vergessen.. Als müsste ich mich an etwas.. erinnern.. Aber ich habe keine Ahnung, was das sein soll.."
     Ich sah ihm an, dass er fieberhaft über etwas nachgedacht hatte.. Etwas Wichtiges?.. Mag sein..
     Ich ließ ihn in Ruhe.


     In dieser Nacht hatten wir Sex wie gewohnt.. und er bedankte sich bei mir für sein Ferrari aus Schokolade.. auf eine Art und Weise, die ihm angemessen erschien.. und mich erneut befriedigt hatte.
    Etwas bitter fand ich, dass ich den Ferrari in seiner ursprünglichen Form nie wieder zu Gesicht bekam. Tedd hatte daraus in der Nacht, während ich tief schlief, eine seltsame Voodoo-Puppe geschnitzt.. mit abstehenden Haaren und einem seltsamen Grinsen..


      Diese Tat hatte ich nie wirklich verstanden...


      Dennoch war es der wohl schönste Valentinstag in meinem Leben..   

 

 

                                                                

 

                                                                    - KOU -



    Ich hätte nicht gedacht, dass die Valentinstags-Gummibärchen aus Schaumzucker in diesem Jahr wieder erhältlich sein würden. Wer kauft sich so etwas?, fragte ich mich.. und kaufte gleich zwei Packungen.
     Halt! Stopp!
     Aus Nostalgiegründen, versteht sich.
   Das war am Freitag, den Dreizehnten. Tolles Datum. Ich ging danach noch schnell in die Apotheke, um mir weitere Schmerztabletten zu holen. Zwei Wochen war es her, seit ich in einer Unterführung von einer Gang zusammengeschlagen worden war. Zwei gebrochene Rippen und Prellungen.. Schürfwunden.. Ich konnte von Glück reden, dass jemand die Kerle verjagt und den Krankenwagen gerufen hatte.. Eine Woche lang lag ich im Krankenhaus, wegen Verdachts auf innere Blutung. Seit einigen Tagen durfte ich mich wieder bewegen. Von Rich & Poor, wo ich vor ein paar Wochen angefangen hatte, bekam ich zwar die Anweisungen, mich krankschreiben zu lassen, aber ich brauchte eine Beschäftigung, also ging ich jeden Tag für wenigstens ein paar Stunden ins Büro, um an meinem ersten wichtigen Fall zu arbeiten, den ich im Januar zugewiesen bekommen hatte.
     Jede Bewegung schmerzte mich.. und beim Einschlafen war es extrem schlimm. Von den Schmerzmitteln war ich regelrecht abhängig.. Ich konnte nicht Auto fahren, also gab ich ein Vermögen für Taxis aus, bewegte mich die ganze Zeit so vorsichtig, dass ich mir selbst wie in Zeitlupe vorkam..
     Ich sah die Tüten mit den weißen Gummibärchen an. Ich nahm eines heraus und biss ihm den Kopf ab. Es schmeckte sehr süß.. nach Zucker eben.. und Vanille.., so wie ich es in Erinnerung hatte. Kurzerhand entschloss ich mich, ein Päckchen in Norios Villa zu schicken. "Bitte als Express", verlangte ich auf der Post. Natürlich OHNE Absender..
     Es war schon richtig so. Tedd hatte mich nie als den Mann, dem er auf der Party begegnet war, erkannt. Er konnte sich an keine einzige Begegnung mit mir, vor der Vertragssache, erinnern. Vermutlich würde er sich nicht einmal an diese Gummibärchen erinnern, so betrunken, wie er damals war.. Aber immerhin.. das war mir auch recht.. Ich erwähnte schon, dass ich nur aus Nostalgiegründen gehandelt hatte..


    Nun war es Valentinstag, besser gesagt - Abend, und ich verließ meine Wohnung, um etwas frische Luft zu schnappen. Die letzten Tage waren ziemlich frostig, daher begrüßte ich es, dass die Temperatur heute stark zurückging. Der Abend war angenehm mild, genau wie der Abend von vor einem Jahr. Ich fragte mich ab und zu, ob Tedd auch dieses Jahr zu einer Sangria-Party gehen und dabei eine rote Krawatte tragen würde..
     Langsam schlenderte ich die Straßen entlang und wich aufmerksam jedem Passanten aus. Selbst der leichteste Zusammenstoß verursachte mir Schmerzen. Während ich im klaren Nachthimmel ein-zwei Sterne zu erblicken versuchte, dachte ich darüber nach, wie ungerecht die Welt war.. Letztes Jahr war ein Valentinstag mit Tedd etwas, was mir nicht einmal in den Sinn gekommen wäre, und dennoch wurde ich dazu "gezwungen", zumindest ein paar Minuten mit ihm auf der Terrasse zu verbringen.. Heute würde ich sicherlich zehn Jahre meines Lebens dafür geben, mit ihm diese paar Minuten verbringen zu dürfen.. und es war dennoch unmöglich..

 


    Wie ging es ihm wohl? Was machte er gerade? Was machte er überhaupt in den letzten Tagen?


     Er fehlte mir.. er fehlte mir so sehr.. Ich hielt es nicht für möglich, dass man jemanden so sehr vermissen könnte.. Ich hatte schon einmal solche Sehnsucht nach ihm verspürt, aber früher war es der Stricher, von dem ich heimlich geträumt hatte.. Ich hatte mich damals nach einem Jungen gesehnt, mit dem ich zuvor 4 Nächte verbracht hatte.. und allein diese Sehnsucht machte mich innerlich kaputt.. Doch jetzt.. vermisste ich Tedd.. Tedd, der mit mir 6 Monate lang zusammengelebt hatte, mit dem ich dieselbe Luft teilte, Tag für Tag, Nacht für Nacht.. Wie oft hatten wir uns geliebt? Wie oft hatten wir miteinander geredet und gelacht?..  Wie oft hatten wir einfach so, in einer innigen Umarmung, da gelegen und uns den Sternenhimmel angeschaut?


     Solch einfache Sachen und sie machten ihn trotzdem unentbehrlich für mich.. Ich vermisste ihn dermaßen, dass ich mir beinahe selbst schon einbildete, er würde immer noch mit mir zusammen sein.. Wenn ich kochen musste, blieb ich an dem kaputten Teddybären stehen, der tapfer seinen wieder angenähten Kopf auf seinen Schultern trug, und fragte ihn, was er denn essen wollte.. und es war so, als hätte mir seine imaginäre Antwort bei den Entscheidungen stets geholfen.. Der Teddy blieb an meiner Seite, obwohl ich Tedd diesbezüglich vor einem Monat angelogen hatte. Ich konnte ihn nicht wegwerfen, so oft ich es auch versucht hatte.. Er lag mitten auf dem Couchtisch und wartete darauf, jeden Tag mit einem Zuckerherzen gefüttert zu werden. Kindischer ging es gar nicht, dessen war ich mir bewusst.. und dennoch passte das alles hervorragend zu Tedd, der sich nur allzu gern kindisch benahm.. Also benahm auch ich mich kindisch und legte jeden Tag ein Zuckerherz in den Teddy.. um Tedd wenigstens im Geiste etwas näher zu sein.. Dass ich dennoch bei jedem Zuckerherz daran dachte, mit dieser Aktion etwas Gutes für Tedd zu tun, war irgendwie selbstverständlich..
     Wieso ich das alles tat, obwohl ich Tedd, besser gesagt den Stempeljungen, immer noch hassen wollte? Obwohl ich mich erst vor kurzem von ihm getrennt und ihn bei der Szene im Park schrecklich verletzt hatte?..
     Wie gut, dass keiner mich das gefragt hatte.. ich hätte das nicht beantworten können.. Nur eins war mir klar.. Das, was in der Vergangenheit lag, war unwichtig.. Den Stempeljungen könnte ich dafür, was er mir angetan hatte, weiterhin hassen.. Aber ich hatte mich längst bereits in Tedd verliebt.. so unglaublich das auch war.. Ich hatte mich zweimal in denselben Mann verliebt, zweimal aus verschiedenen Gründen.. Das erste Mal aus Dankbarkeit, das zweite Mal gegen meinen Willen.. Das, was auf dem Strich passiert war, hatte ich ihm bereits verziehen, vermutlich an dem Tag, an dem ich es ihm im Park heimgezahlt hatte.. vielleicht sogar früher..
     Hätte er sich doch nur an mich erinnert.. aus welchem Grund auch immer..
     Hätte Simon uns nur nicht beim Sex in der Gasse gefilmt..
     Alles hätte anders werden können..


    Ich hielt inne. Ein Bild, das sich mir plötzlich bei meinem abendlichen Streifzug durch die Straßen anbot, riss mich aus meinen Gedanken. Ich befand mich in einer etwas abgelegenen Seitenstraße (Wie zum Teufel war ich hierher gelangt??). Vor mir, an einem Zaun, stand ein Pappkarton. Darin lag auf einer kalten, gefrorenen Decke ein Welpe. Er gab keinen Laut von sich, bewegte sich noch weniger, so dass ich sofort angenommen hatte, er wäre längst tot. Aber etwas in mir forderte mich auf, ihn anzufassen, und als ich das tat, spürte ich, dass er noch warm war. Sein Herz schlug. Schwach, aber dennoch.

aww der Arme ;__;
aww der Arme ;__;


     In holte mein Handy heraus und suchte ein Tierheim in der Nähe. Obwohl das Internet mehrere Adressen ausgespuckt hatte, hatte laut den Öffnungszeiten kein Heim mehr geöffnet. Ich nahm die Kiste mit dem Hund mit. Er roch etwas streng und ich musste die Zähne zusammenbeißen, denn es war anstrengend, ihn den ganzen Weg zurück zur meiner Wohnung zu tragen; anstrengend und schmerzhaft. Der Portier in der Eingangshalle sah mich überrascht an und wollte mir helfen, aber ich lehnte dankend ab. (Ich wohnte mittlerweile nicht mehr im japanischen Viertel, sondern in der Wohnung, die ich mit Ayaka in der Reserve behielt..)


     Daheim drehte ich die Heizung voll auf, warf ein Handtuch in die Mikrowelle und erhitze es kurz. Dann wickelte ich den Welpen darin ein und massierte ihn sanft, um seinen Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Es dauerte lange, bis überhaupt ein Laut von ihm kam. Er war völlig erschöpft und zitterte am ganzen Leib. Wie lange er wohl da draußen gelegen hatte?, fragte ich mich. Und wer setzte ein Tier in dieser Kälte aus?
     Ja, ich fühlte mich wie in einem Film, in dem ein Mensch einen Hund oder ein Kätzchen vor dem Erfrieren rettete, klischeehafter konnte es gar nicht sein.. Der Welpe war da, das konnte ich nicht ignorieren. Ich hatte mich dazu entschieden, ihn mitzunehmen. Wozu? Um mir was zu beweisen?
     Irgendwann machte er die Augen auf und musterte mich vorsichtig. Er gab ein seltsames, kaum hörbares Stöhnen von sich, als wollte er mir danken. Ich holte eine Decke und hüllte ihn darin behutsam ein. (Am nächsten Morgen hatte er sie angepinkelt, aber selbst wenn ich das gewusst hätte, würde ich ihm die Decke trotzdem geben.) Später bekam er noch etwas warmes Wasser. Er lag einfach da und ich fragte mich, ob er die nächsten Tage überstehen würde..
     Ich griff nach meinem Notebook und surfte ein paar Minuten im Internet, um mir ein paar Informationen über Hunde und die mögliche Auswirkung einer Unterkühlung zu beschaffen. (Ich kannte mich nur mit Katzen aus, nicht nur wegen Tedd; früher, als ich klein war, besaß ich einen Kater.. der leider unter Norios wütenden Füßen seinen Tod gefunden hatte..) Ich versicherte mich, dass ich alle notwendigen Maßnahmen ergriffen hatte. Am Montag - wenn der Welpe bis dahin überleben sollte - würde ich ihn ins Tierheim oder zum Tierarzt bringen. Vielleicht würde ja diese Tat.. einem Tier das Leben gerettet zu haben, meine Schuldgefühle Tedd gegenüber etwas mildern.. (Wie bitteschön sollte das denn gehen?)


     Ich blieb noch online. Ich bestellte mir bei amazone neue Bücher, schrieb Ayaka eine kurze Mail, dass der Familienbesuch in den nächsten Wochen ausfallen musste (Keiner wusste über den Vorfall in der Unterführung, oder über meinen Aufenthalt im Krankenhaus Bescheid), und klickte dann aus Gewohnheit das Portal dutubst.de an.
    Der Zusammenschnitt von Tedds Abschiedskonzert bei DE DOUM war immer noch das meistgeklickte Video auf dem Portal. Wie die letzten Tage auch, klickte ich es an. Ich kannte es mittlerweile auswendig, sah dennoch Tedd erneut zu, wie er Sinner sang, den schönsten Song, den ich jemals gehört hatte, wie er am Ende beinahe zusammenbrach, wie er sich von den Leuten verabschiedet und das Ende seiner Karriere angekündigt hatte.. Ich hätte niemals gedacht, dass er das tatsächlich tun würde.. Er tat doch sonst nie das, was man von ihm verlangt hatte.. Er war doch der Rebell himself!!
     Benommen sah ich ihm zu, wie er zu weinen anfing, als in der Halle ein tosender Jubel ausbrach. Die Leute applaudierten und riefen ihm zu, er solle bald wieder auf die Bühne kommen. Er weinte und ich bereute es so sehr, dies alles von ihm verlangt zu haben..
     Dann kam die Stelle, in der Norio ihn küsste.

     Ich drückte auf PAUSE.


   So müsste ein Kuss aussehen. Der Kuss zweier schöner Menschen; ein Kuss, der Begeisterung erzeugte und die Masse zu Bewunderungsschreien bewegte.. Ihr Kuss sah so natürlich aus, als wäre es genau so vorherbestimmt gewesen.. Ich sah ihn lange an.. Im Kopf hörte ich dabei die hämischen Bemerkungen der drei Mädchen, die mich und Tedd bei unserem Date im Dezember gestört hatten. "Langweiler.. So 'nen miesen Geschmack hat Tedd nicht.." Und ich hörte auch andere, längst vergessene Stimmen, die einigen Strichern gehörten.. "Was für ein Loser!! Gib's ihm!! Haha, eine Jungfrau, wie lächerlich!!"


     Ich stellte mir bildlich vor, wie ich auf die Bühne trete, um Tedd zu küssen. Man hört dabei empörte Schreie, ich werde mit Tomaten beworfen.. (Was die Leute alles so zu einem Konzert mitschleppen, hm.. ) "So etwas geht doch nicht!", kreischen die Leute. "Tedd darf nicht von einem Versager geküsst werden!! Das passt überhaupt nicht!!" Tedd selbst sieht so aus, als würde es ihm nichts ausmachen, aber dann betritt Norio die Bühne. "Jaaa!!", tobt die Menge. "Norio Yagi ist cool und männlich! Genau das Richtige für Tedd!!" Und Tedd löst sich von mir, rennt in Richtung Norio, wirft sich in seine Arme..


     Irgendwann..
     Ganz bestimmt..


     Ich verlasse die Bühne und bin noch nicht einmal weg, schon hatte man mich vergessen.. als wäre ich niemals da gewesen.. Hinter meinem Rücken höre ich immer noch die Leute applaudieren. Aber mich hört niemand. Niemand sieht mich, wie ich auf die Knie falle und weine.. Ich weine, weil ich wieder einmal das verloren habe, was für mich das Leben ausmachte..
      Niemand hörte mich..

 


    So etwas wie Schönheit oder Erfolg hatten mich früher nie interessiert.. Ich lebte mein Leben einfach, so wie ich es mochte.. Für dich lebte ich die letzten Jahre, du kleiner Stricher.. für dich.. Wieso nur? Wieso hattest du mich nicht erkannt? Bedeutete ich dir so wenig?


     Nein, meine Gedanken in dieser Nacht sollten nicht dem Stempeljungen gelten.. sondern Tedd Jigsaw..
     Tedd hielt mein Leben auf Trab. Für ihn wollte ich schön und erfolgreich sein.. (was mir nicht möglich erschien).. Ihn hatte ich verletzt und verlassen, um ihm ein Leben in genau dieser Schönheit zu ermöglichen, die ich ihm eben nicht bieten konnte.. Ein Leben, das für ihn bestimmt war, das er sich hart erarbeitet hatte.. Wer, wenn nicht Norio, könnte ihm alles geben, was er brauchte?.. Ich ganz bestimmt nicht.. Ich war schließlich nicht frei..
    Wie grausam doch die Liebe ist. Wie unfair und schmerzhaft.. Und das sollte man feiern? Ausgerechnet an diesem Tag?
     Ich holte dennoch das Päckchen mit den weißen Gummibären. Ich biss jedem einzelnen den Kopf ab. Ich feierte allein.. wie immer..


     Ich feierte nicht die Liebe..
     .. sondern, dass ich das Glück hatte, sie für eine kurze Zeit kennen gelernt zu haben..


     Danke, Tedd..
     Eines Tages.. werde ich mich bei dir für alles revanchieren.. aber heimlich.. so, dass du das nicht mitbekommst..


     Ich sollte dich hassen, und dennoch liebe ich dich.. so sehr.. dass es mich zerreißt..
     Ich liebe dich, doch du wirst es vermutlich niemals erfahren..
     Ich wünschte nur.. ich könnte damit jemals aufhören..


     Denn ich kann es nicht..

 

 

 

 


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