4.2 - Eins und Eins ist Null... Part 1

     "Buhuuuuuuuuuuuuu!!! Kou ist so gemeeeeeeein!!"


     Katie Adams knallte die Teekanne auf die Tischplatte. Sie versuchte, ihrem Ex nicht mehr zuzuhören, aber es stellte sich heraus, je mehr sie ihn ignorierte, desto lauter wurde er. Seit drei Tagen schon hing er bei ihr in der Wohnung herum und weinte sich bei ihr aus. Er weigerte sich sogar, in sein eigenes Penthouse zurück zu kehren, weil dort ja der "fette und hässliche Japaner" mit "seinem Köter" verweilte.
     Katie nahm zwei Nerventabletten mit einer großen Tasse Beruhigungstee ein. Erst als sie das Gefühl hatte, dass die Wirkung langsam eintritt, fühlte sie sich stark genug, sich dem Häufchen Elend zuzuwenden, das auf einem ihrer Sessel saß, sich Tedd Jigsaw nannte und nach außen hin als der Superstar schlecht hin fungierte. Jetzt war er - laut seiner eigenen Aussage - nur noch ein gebrochener Mann, der in einem Waffenkatalog herumblätterte, doch obwohl Katie der Meinung war, dass ein abgelehnter Heiratsantrag kein Grund war, um sich - oder seinen Partner - binnen einer Woche erschießen zu müssen, hielt sie den Mund. Zum einen hatte sie es Tedd schon mindestens hundertmal gesagt und zum anderen hatte sie keine Lust mehr darauf, sich die ganze Geschichte wieder und wieder anhören zu müssen.
     Tedd hatte Kou einen Heiratsantrag gemacht und Kou hatte abgelehnt. Nicht direkt abgelehnt, nicht etwa im Sinne von "Ich mag dich nicht genug, um mit dir eine Familie zu gründen"; sondern er sagte einfach nur:  

     Tedd hatte nicht auf eine Erklärung gewartet, sondern lief unter Tränen davon. Zuerst belagerte er Selma, aber da sie ihn bereits nach einem Abend aus ihrer Wohnung geschmissen hatte, weil er sie nicht einmal hatte schlafen lassen, zog er kurzerhand zu Katie um und weinte sich nun bei ihr aus. Gestern hatte er sich bei seinem Lieblingshändler einen Katalog mit Waffen geholt, und hatte jetzt schon ein ganzes Arsenal in seiner Bestellung stehen. Als Erstes wollte er Kou aufschlitzen, ihm dann langsam die Haut abziehen, den Kopf glatt rasieren, Fingernägel und Zähne heraus ziehen, ihm dann mit dem Kaliber 43 den Satz "I'll marry Tedd" kreuz und quer durch die Brust jagen.. und das alles nur für den Anfang. Danach wollte er ihm noch Hot Dogs servieren..
     Nachdem Katie alle (inklusive Kou) per SMS benachrichtigt hatte, dass Tedd einige Zeit bei ihr verbringen würde, ging es dann mit der Hölle auf Erden los. Kou war nicht erschienen, um Tedd zurück zu holen, was Tedd als persönliche Beleidigung aufgenommen hatte. Er hatte Tedd zwar jeden Tag mindestens 50 SMS geschrieben und ihn auch angerufen, aber Tedd warf sein Handy nach der ersten Nachricht in den Müll, fest entschlossen, keine einzige SMS zu lesen.. und Anrufe waren seiner Meinung nach sowieso sinnlos. Stattdessen fing er mindestens 5 Mal die Stunde an, zu lamentieren, zu weinen und sich zu bemitleiden. Er sandte allerlei Flüche in Richtung Kou ab und nahm sich fest vor, mit Norio zu schlafen; vielleicht sogar wieder zu ihm zu ziehen.


     Er tat es natürlich nicht. Er war sich dessen bewusst, dass er am Überreagieren war. Er hatte Kous Antwort sowieso genau so erwartet, wie sie gekommen war, und er glaubte auch, den Grund dafür zu kennen. Kous Vater hatte sich zu einem von Kous Schatten entwickelt, genau so, wie Carim IHN immer verfolgt hatte. Kou half Tedd, Carims Schatten zu besiegen und es lag nun an Tedd, Kou mit der Bewältigung seines Problems zu helfen.
     Es hatte ihn nur viel zu sehr verletzt. Noch bevor Kou den Mund aufgemacht hatte, um zu antworten, wusste Tedd, was kommen würde, aber als er dann die Worte laut ausgesprochen hörte, erschütterte es seine Gefühle und er rannte weg, um Kou nicht zu zeigen, wie sehr ihn seine Ablehnung getroffen hatte. (Wobei er es natürlich nicht besser hätte zeigen können.) Er versteckte vor Selma und auch vor Katie, wie traurig er tatsächlich war und er überspielte seine Verzweiflung mit seiner "süßen und niedlichen Version eines nervigen Knaben, der bemitleidet werden sollte". Selbstverständlich wusste er, dass weder Selma, noch Katie darauf hereinfallen würden, weil sie ihn einfach genau so kannten, wie er war. Sie kannten Tedd Jigsaw als Dominik Esmond. Er zog es jedoch durch.. einfach, weil er sich selbst dabei besser fühlte. Nur Kou durfte den wahren Dominik zu Gesicht bekommen. Nur er..
     Tedd verstand nicht, wieso Kou ihn nicht abholen kam. Er wusste, dass Katie ihn benachrichtigt hatte; und wenn er nachts an seinem Penthouse vorbei fuhr, sah er die Lichter brennen. Kou war da, er zog sich nicht in seine eigene Wohnung zurück, er wartete dort auf ihn, aber Tedd war es satt, ständig zu Kou zurück zu kehren. Er wollte zurück geholt werden. Diesmal würde er nicht nachgeben, sagte er sich jedes Mal, wenn er kurz davor war; biss sich kräftig in die Unterlippe, bis er den warmen Geschmack von seinem Blut schmeckte, und kehrte in Katies Wohnung zurück, wo er den Rest des Tages (oder Abends) damit verbrachte, Katies Geduld bis aufs Äußerste zu strapazieren.


     "Tedd, magst du zur Abwechslung was mit mir spielen?", fragte Katie. "Monopoly vielleicht?"
     Tedd schnaubte. "Nein, das hab ich das letzte Mal mit Norio gespielt. Ich schulde ihm noch meine Seele und die Mieten für die nächsten 125 Jahre.. Doktor Bibber wäre nicht schlecht! Dann könnte ich ja schon üben, wie man einen menschlichen Körper auseinander nimmt..!"
     Am Ende spielten sie Mensch ärgere dich nicht.. aber einer ärgerte sich dabei ganz besonders..

 

 

     Ben hämmerte wütend gegen die Tür von Tedds Penthouse.
     "Mach verflucht noch mal auf, Anwalt!!"; schrie er zum wiederholten Mal. Das Licht in Tedds Wohnung brannte und da Tedd sich schon seit einigen Tagen bei seiner Ex ausheulte, konnte nur noch der dämliche Anwalt die Wohnung belagern. Tedd hatte ihn ja durch die Fenster gesehen und er hatte auch Ben gebeten, nach Kou zu schauen, denn Kou war - laut Julians Anruf - seit Tedds Flucht aus dem Penthouse nicht bei der Arbeit gewesen. "Ich mach dich sowas von kalt, du wirst schon sehen!!!"
     Nach etlichen Minuten und gefühlten eintausend Schlägen gegen die Tür, ging diese endlich auf. Langsam, nur einen Spalt, aber Ben, der bereits auf hundertachtzig war, riss sie mit voller Wucht auf und warf sich förmlich auf Kou. "Du mieser Dreckskerl, was glaubst du, wer du bist? Hast du meinen Bruder nicht schon genug ge-" Ben hielt inne, da Kou sich nicht zu wehren versuchte, und schaute ihn verwundert sowie etwas angeekelt an.

 

    Kou war offensichtlich sturzbetrunken. Seine Augen waren geschwollen und die Haare zerzaust, als hätte er daran ständig verzweifelt gezogen. Er hatte dunkle Augenringe und einen glasigen Blick.. und geduscht hatte er in den letzten Tagen sicherlich nicht.  Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, weswegen er sich auch bald wieder hinsetzte. Etwas ungeschickt, denn er rutschte dabei vom Sofa auf den weißen Teppich herunter.
     Ben traute seinen Augen nicht, als er sich umsah. Er war schon öfters in der Wohnung gewesen und wusste von Tedd, dass Kou sie immer sauber hielt; sowieso war Kou fast schon zu ordnungsliebend für die Verhältnisse der Esmond-Brüder. Aber jetzt war die Wohnung nicht wieder zu erkennen. Überall lagen leere Wodka- und Schnapsflaschen, sowie Bierdosen herum, dazwischen Kleidungsstücke und Schuhe, etliche Papiere, Bücher, Stifte, CDs und noch viele andere Sachen. Im Raum lag ein unangenehmer, stickiger Geruch, sodass Ben lieber zuerst alle Fenster öffnete, bevor er sich wieder Kou zuwandte.
     Für einige Minuten vergaß er, was er Kou ursprünglich sagen wollte und beobachtete ihn nur, als wollte er herausfinden, was in diesem Japaner vor sich ging. Kou schien ihn längst vergessen zu haben. Er saß wortlos und völlig geistesabwesend da und reagierte erst auf den kleinen Hund, der sich ihm vorsichtig näherte. Ben hatte schon mitbekommen, dass Kou einen Hund besaß, aber es überraschte ihn, wie liebevoll und vorsichtig Kou T.J. in seine Arme nahm und ihn langsam streichelte. T.J. leckte traurig Kous Hand ab, als würde er versuchen, ihn dadurch aufzuheitern.
     "Wenn du meinem Bruder auch nur den Bruchteil davon geben würdest, was du dem Hund schenkst", sagte Ben schließlich, "wäre all das hier nicht nötig!"


     Kou stieß ein seltsames Geräusch aus, etwas zwischen Schluchzen und Stöhnen, aber damit verärgerte er Ben nur, der sich zu ihm hin kniete, ihn bei den Schultern packte und kräftig durchschüttelte, um ihn wieder zurück in die Gegenwart zu holen. "Wieso springst du mit Dom - mit Tedd - so um? Wieso?? Wiesoo???" Als er keine Antwort bekam, warf er Kou wütend zu Boden und verpasste ihm einige Fausthiebe; mit dem Bein hielt er sich dabei  T.J. vom Leib, der ihn in seinem Beschützer-Instinkt fast genauso wütend zu beißen versuchte.
     "Mein Bruder liebt dich, du Mistkerl!! Ich habe ihm ja mehrmals gesagt, dass ich das nicht verstehe! Dass ich ihn für dämlich halte! .. Dass du ihn wieder nur verletzen wirst!!.. Dass du ihn nicht verdienst!!.. Du bist das Letzte, weißt du das? Ich würde dich am liebsten aus dem Fenster werfen!!.. Aber verdammt, er liebt dich!! Ich weiß echt nicht, was er an dir findet, aber er liebt dich!" Ben schüttelte T.J. ab, der mit einem lauten Bellen auf ihn sprang. "Wieso kannst du dich nicht für ihn entscheiden? Er wird immer hinter dir stehen! Hast du ihm etwa nicht versprochen, dasselbe für ihn zu tun? Wieso machst du jetzt wieder einen Rückzieher? Scheiße, wen kümmert es, was dein Vater von dir denkt?"


     Nachdem er von Kou keine Antwort bekam, seufzte er verzweifelt, setzte sich neben ihn und beobachtete etwas unwillig T.J., der sich wieder beruhigt hatte, nachdem der Angriff auf Kou vorbei war und jetzt Kous Wange ableckte. Ben war von vorneherein klar, dass es sinnlos war, einem betrunkenen Mann ins Gewissen reden zu wollen, aber genau das ärgerte ihn ja - er konnte nichts erreichen, weder mit Schlägen, noch mit Betteln oder Drohungen. "Mist", fluchte er leise.
    "Ich.. kann ihn.. nicht heiraten...", hörte er nach einer Weile. Er drehte den Kopf in Kous Richtung, aber er sah nur seinen Rücken, weil Kou sich kurz davor zusammen rollte und nur T.J. konnte sehen, was sich in seinem Gesicht abspielte.
     Ben schnaubte.  "Du kannst nicht oder du willst nicht?"

 

     Kou war also wieder anwesend. Ben trat ihn sitzend kräftig in den Hintern. "Was heißt das: Du kannst nicht? Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg oder nicht? Ist dir etwa nicht klar, wie sehr du ihn verletzt? Seit er dich kennt, leidet er nur! Nimm ihn oder lass ihn verflucht nochmal gehen! Diese Beziehung oder wie immer du es auch nennen magst, ist eh nicht viel wert! Das wird dir jeder sagen!"
     Einige Zeit verging wieder in Stille. Nur T.J.s trauriges Winseln an Kous Wange war zu hören. Ben sperrte die Ohren auf, um Kous Antwort zu erfassen, so leise sie auch sein sollte.
     "Wie alt.. bist du, Ben?" fragte Kou. Die Zunge lag ihm schwer im Mund.
     "Neunzehn", antwortete er. "Als wüsstest du das nicht!"
     "Neunzehn..", wiederholte Kou langsam. "In deinem Alter, da war ich schon längst.. "
     "Was?"
     "Nichts.." Er bekam dafür wieder einen Tritt in den Hintern. "Warst du.. schon mal verliebt?"
     "Öfters." Ben hörte, wie Kou etwas spöttisch grinste und er runzelte die Stirn. "Was ist daran komisch? Ich bin äußerst beliebt! Ich war schon mit mindestens 5 Frauen zusammen!"
     "Tatsächlich.."
     Ben holte tief Luft. Er war nicht hergekommen, um über sich zu erzählen!
     "Ich.. werde bald dreißig..", sagte Kou und auch ihm hörte man sofort an, dass es ihm unangenehm war, über sich selbst zu reden. "Seit ich mich erinnern kann, wurde mir gesagt.. dass ich ein Versager bin.. in allem, was ich tue.. es hieß, ich könne gar nichts  richtig machen, obwohl ich.. immer mein Bestes gab.. Ich wurde schon so oft zur Seite geschoben, dass ich.. gelernt habe, automatisch die Seitenstraße entlang zu laufen..Ein Mädchen sagte mir einst, ich sollte.. schwul werden, weil sich keine Frau je für mich interessieren könnte.. also.. bin ich schwul geworden.." Er machte eine Pause, um T.J. zu streicheln. Ben brannte die Frage auf der Zunge, ob man denn auf Befehl schwul werden kann, er hielt sich aber zurück und ließ Kou weiter reden. "Aber.. auch das war sinnlos.. ich.. bin einfach nicht der Typ, der Begeisterungsschreie auslöst, wenn er eine Kneipe betritt..

 

    Es war mal an Halloween.. das ist schon ein paar Jahre her.. da sagte mein Bruder zu mir.. ich sollte mir einen Stricher suchen, das wäre die einzige Sorte Männer, die mit mir schlafen würde.. für Geld, versteht sich.. Also ging ich in derselben Nacht los und zahlte dafür, dass mich einer reinlässt.. Es war so toll.. ich fühlte mich wie neugeboren.." Kou setzte sich langsam hin und Ben sah in seinem immer noch glasigen Blick etwas, was er noch lange Zeit danach nicht verstehen konnte. "Ich wollte den Jungen wieder sehen.. ich hätte ihm meine Seele verkauft, wenn er mich nur noch einmal ranlassen würde.. Und er.. schlief mit mir umsonst.. und sagte auch noch, es hätte ihm gefallen, mit mir zusammen zu sein.. Gott, ich habe mich so verliebt, ich dachte, ich würde in tausend Stücke zerbrechen.. Ich wollte ihm die Welt zu den Füßen legen.. das erste Mal in meinem Leben wollte ich meinen eigenen Weg gehen und etwas beweisen.. Ich wollte ihm beweisen, dass ich gut genug sein kann.. aber.. es ist alles anders gekommen.. und weil ich unüberlegt gehandelt habe, ist meine Welt eingestürzt statt zu erblühen.. Ich habe ihn danach.. so lange.. so verdammt lange gesucht.. ihn aber nicht mehr gefunden.. weil er nicht mehr da war..
     Dann habe ich Tedd kennen gelernt.. Er ist so anders, als der Junge vom Strich.. stark.. er ist so unheimlich stark.. Obwohl ich ihm so oft wehgetan habe, mag er mich trotz all meiner Schwächen.. Keinen anderen Mann könnte ich mehr lieben.. Niemals.."


     "Komm zur Sache!", sagte Ben, dem langsam dämmerte, dass der Junge vom Strich, von dem die Rede war, sein Bruder war. Dominik. Tedd. Ein und dieselbe Person. Er hatte keine Ahnung, dass die zwei sich schon vorher gekannt hatten. "Wenn du meinen Bruder wirklich liebst, wieso willst du ihn nicht heiraten?"
     "Ich sagte, ich kann nicht; und nicht, dass ich nicht will!" seufzte Kou verzweifelt. "Ich liebe ihn so sehr, es zerreißt mich von innen! Hast du eine Ahnung, wie es ist, jemanden so sehr zu lieben und es dennoch nie offen zeigen zu können? All die Jahre über? Ich weiß, dass ich als der Böse erscheine, aber ich bin einfach nicht frei! Ich habe nicht Tedds Stärke und ich habe Angst davor, ihn noch einmal zu verlieren! Über uns hängt ein Damoklesschwert, das nur darauf wartet, dass wir etwas Unüberlegtes oder Voreiliges tun, um uns für immer voneinander zu trennen.. Und ich kann ohne Tedd nicht leben.. Es ist mir lieber, wenn er eine Zeitlang sauer auf mich ist, anstatt mich zu verlassen.. Denn das würde er bestimmt tun.. wenn er erfährt, dass ich.. dass ich.. "
     "Dass du - was?"
     Aber Kou beendete den Satz nicht und Ben schaute zu, wie sein Kopf langsam nach vorne kippte. Er war eingeschlafen. Ben fluchte leise und trat ihn wieder. "Du bist.. nur eine Memme, du Anwalt!" T.J. knurrte ihn vorwurfsvoll an und sprang zwischen ihn und Kou, bereit, seinen Herren erneut zu verteidigen. Ben ignorierte ihn, also legte T.J. sich hin, den Blick immer noch auf den Jungen fixiert, der sich eine ungeöffnete Bierdose schnappte und den Inhalt in paar Zügen leerte. Dann schrieb er eine kurze SMS an seinen Bruder, es sei alles in Ordnung bei Kou, und nickte einige Minuten später ebenfalls ein.


     Ben hatte einen seltsamen Traum. Er war in einem Hotelzimmer mit seiner letzten Freundin Rebecca, und es ging gerade ziemlich heiß zu. Becca verlor jegliche Schüchternheit und ihre Lippen machten sehr wilde Sachen auf seinem Körper. Sonst war Ben immer der Aktive, wie schließlich in jeder seiner kurzen Beziehungen. Er hatte zwar angegeben, er wäre schon oft verliebt gewesen, aber das richtige, tiefe Gefühl der Verbundenheit hatte er bislang bei keinem Mädchen gehabt. Vielleicht verstand er gerade deswegen nicht, wie sein Bruder so sehr an einem Mann hängen konnte, der ihn so oft verletzt hatte. Es war ihm ein einziges Rätsel, wie dieser Anwalt es schaffen konnte, Tedd so um seinen Finger zu wickeln.
     Verschlafen öffnete Ben die Augen. Scheiße, was sollte das? Er war doch eben dabei, über Becca zu fantasieren! Wieso kam ihm ausgerechnet der Anwalt in den Sinn? Mitten in einer heißen Liebesszene!!.. Ah, da war sie wieder! Becca.. Sie küsste ihn und ihre Lippen waren so heiß und nass und verursachten ihm ein Kribbelgefühl im Magen. Ihre Hand glitt über seine Brust bis zu seinen Beinen und verschwand in seiner Unterhose.
     Er war erregt. So erregt, wie schon lange nicht mehr. Er fühlte, wie die Hitze sich all seiner Sinne bemächtigte. Er machte die Beine breit und ergab sich der Hand, die ihn auf eine sehr eigene, sehr intensive Art zum Höhepunkt führte. Ben stöhnte genüsslich, als er Beccas brennende Zunge auf der Brustwarze spürte. Sie leckte an ihr und dann saugte sie sie, zärtlich, gefühlvoll. Sie kümmerte sich auch um die zweite und dann kehrte sie wieder zurück zu seinem Mund. Bereit, sich voll und ganz gehen zu lassen, küsste er sie und sie flüsterte seinen Namen: "Tedd!"
     Irgendwo in der Ferne hörte er gleichzeitig einen Hund wimmern.


     Er riss die Augen auf.

    Es dauerte einige Minuten, bis Ben die ganze Situation verstanden und seinen Schock überwunden hatte. Becca war augenblicklich verschwunden. Kou lag neben ihm und fummelte an ihm herum, in dem Glauben, er hätte Tedd bei sich. Er war immer noch betrunken und auch noch im Halbschlaf. Er roch nach Bier und Schnaps, aber seine Lippen waren warm und angenehm, er benutzte sie bedacht, instinktiv, automatisch. Er küsste Bens Mund, seine Wangen, seine Stirn.. "Es tut mir leid, Teddy.. Es tut mir leid..!", wiederholte er in kurzen Abständen.
     Ben kam endlich zu sich. "Lass mich los, du Idiot!!" schrie er auf und versuchte, sich aus Kous Händen zu befreien. Aber Kou hielt ihn fest, als hätte er im Unterbewusstsein diese Reaktion von Tedd erwartet. Er presste sich gegen Bens Körper und versuchte, ihn erneut zu küssen. Ben sträubte sich dagegen, wälzte sich unter Kous Gewicht, versuchte, ihn abzuschütteln. Er schlug mit den Fäusten gegen Kous Brust, mit den Beinen versuchte er, Kou in einem passenden Winkel zu treten. Aber nichts funktionierte, was Ben nur wütend machte. Was war los? Er brauchte sonst immer nur einen einzigen Tritt, um Kou auszuschalten, wenn er ihm auf die Nerven ging! Dabei benutzte Kou keine Gewalt, er hielt ihn ganz locker, nur offensichtlich an den richtigen Stellen.
     Ben knirschte wütend mit den Zähnen. Er schloss die Augen, um in Ruhe seine Kräfte zu sammeln und dann auf einen Schlag anzugreifen, so wie er es im Karate-Unterricht gelernt hatte. Er merkte zu spät, dass er einen Fehler gemacht hatte, denn jetzt, da seine Augen geschlossen waren, konnte er mit allen Sinnen spüren, was ihn so schwach machte.


     Es war sein Körper. Er wehrte sich gegen seinen Verstand. Ben fühlte die ganze Anspannung, die sich in ihm breit machte; noch intensiver war jedoch die elektrisierende Wirkung von Kous Hand, die mit seinem besten Stück Sachen machte, die er vorher in solcher Intensität noch nie erleben durfte. Wie lange hatte Kou sich schon mit ihm beschäftigt? Er fühlte mit jeder Faser, wie er in Kous Hand pulsierte; er war so erregt, dass er nicht mehr klar denken konnte.
     "Ich.. bin nicht..", raunte er mit letzten Kräften in Kous Mund. Ich bin nicht Tedd, du Hirnie!! Aber dann zog Kou ihn noch näher an sich und versiegelte seine Lippen mit einem letzten Kuss. Und Ben kam in Kous Hand; er kam mit dem Mann, der dabei ununterbrochen den Namen von Bens Bruder in Bens Ohr flüsterte.. und ihn auch danach zärtlich küsste, völlig gefangen in seinem Traum, Tedd unter sich zu haben.
     Der Höhepunkt hatte eine gemischte Wirkung auf Ben. Zuerst lag er fassungslos eine Weile da und ließ sich im Genuss der Lust, die Kou ihm soeben bereitet hatte, von ihm küssen und streicheln. Dann fuhr er zusammen. Als hätte er all seine Kräfte wieder erlangt, schob er Kou diesmal problemlos von sich, so dass der auf den Boden fiel, und rannte halb entsetzt, halb angeekelt aus der Wohnung.


     Er wartete nicht auf den Aufzug, sondern sprintete die Treppen herunter, als ginge es um sein Leben. Was ließ er da geschehen?? Von allen Männern der Welt musste es ausgerechnet derjenige sein, den er verabscheute? Den er für einen Schwächling hielt? Der Mann, den sein Bruder über alles auf der Welt liebte?
     Ben knallte gegen die Eingangstür. Er rannte zu schnell, um davor halt zu machen. Verflucht, woran dachte er da bloß? Das war doch nicht der Punkt!!


       Er war nicht schwul! Niemals!


    Er hatte nichts gegen Schwule, sein Bruder war schließlich auch einer. Er konnte Schwulen sogar beim Austausch der Zärtlichkeiten zuschauen, sowieso war etwas anderes überhaupt nicht möglich, wenn er bei Tedd zu Besuch war, denn der flatterte meist nur um seinen Anwalt herum und warf ihm rosa Herzchen auf den Kopf oder in die Hose. (Wie Tedd das mit dem Fliegen machte, war für Ben ein weiteres großes Rätsel.)
     Aber Ben war doch hetero, mit wie vielen Mädels war er schon aus? In seinem Zimmer hingen unzählige Poster von Rihanna und Katie Perry in sparsamer Bekleidung. Wie oft hatte er sie sehnsüchtig angegafft? Er hatte sich sogar vor kurzem in Katie Adams verguckt, obwohl sie - wie Tedd meinte - zu alt für ihn war, fand er sie sexy und erotisch! Und außerdem hatte er sexuelle Erfahrungen mit seinen Ex-Freundinnen UND es hatte ihm immer gefallen!! Wie kam es, dass sein Körper derartig heftig auf einen MANN reagierte? Allein die Vorstellung, es mit einem Mann zu treiben war für Ben schon immer ekelhaft gewesen.
     Ben lehnte sich gegen die Tür und versuchte, sich zu beruhigen. Nebenbei merkte er, dass sein Hosenschlitz noch offen war und diese Gegend noch Spuren von seinem Höhepunkt trug. Er richtete schnell seine Hose. Ekelhaft.. Es war nicht ekelhaft! Er fühlte sich schon lange nicht mehr so gut.. so entspannt. Natürlich wird er Kou beim nächsten Mal dafür umbringen müssen, aber jetzt.. war er sogar ein wenig eifersüchtig. Ging es bei seinem Bruder und diesem verfluchten Anwalt jedes Mal so zu? Er spürte noch die sanften Berührungen von Kous Händen auf seinem Körper, sowie seine heißen Lippen, bei denen er wie Butter dahin schmolz. Und er erinnerte sich an die kurzen Minuten, nachdem er explodiert war, als er einfach so da liegen und niemals wieder aufstehen wollte. Wie wird nur Tedd reagieren, wenn er hiervon erfährt?


     "Verdammt!" Ben schlug mit der Faust gegen die Glastür.
     "Au!"
     Die Tür war im selben Moment aufgegangen und seine Faust traf..


Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
KILLING IAGO©Carlsen Verlag GmbH,Hamburg 2008/Zofia Garden