4.4 - Inferno Part 1

 

     Die Stille war unerträglich.


     Die Dunkelheit ebenfalls.


     Kalt, endlos, einsam.


    Tedd bewegte sich durch die gähnende Leere, verloren im Nichts und wieder Nichts. Die Schatten erschienen ihm in der dunklen Welt, in der er sich befand, extrem schwarz, extrem tief, extrem.. hungrig.. Immer und immer wieder verschlangen sie Kou, um einige Minuten später seinen leblosen Körper wieder heraus zu spucken. Tedd rannte zu ihm, er wollte ihm helfen, er wollte ihn aus der großen Blutpfütze herausholen, in der er lag.. er schrie verzweifelt um sich herum, aber seine Schreie waren stumm und er war allein, keiner konnte einen Krankenwagen rufen, keiner konnte Kou retten..! Er konnte Kou aber nicht erreichen, er konnte ihn einfach nicht einholen. Egal, wie lange und wie weit er lief, die Distanz zwischen ihm und Kou, der bewegungslos erschien, blieb gleich; Tedd rannte und rannte, aber Kous Körper schien sich mit jedem seiner Schritte von ihm zu entfernen, als wollte er nicht, dass er ihn erreichte.
     'Bleib, wo du bist!', schrie er ihn an. 'Komm nicht hier her! Du musst leben! Leben, hörst du?'


     'Nein!!' Tedd war außer sich. 'Wie könnte ich? Ohne dich? Niemals! Niemals wieder!!'
     'Ich befehle es dir!' Kous Körper schwebte plötzlich in der Luft, mit dem Rücken zu Tedd, und fing an, sich mit rasender Geschwindigkeit von ihm zu entfernen. Tedd rannte ihm weiterhin nach, er bemühte sich, Kous Gesicht zu erblicken, aber das blieb ihm verborgen.

 

     'Geh nicht!', weinte Tedd. 'Verlass mich nicht, du fetter, hässlicher  -'
     Er hielt inne, denn bei seinen Worten quellte Kous Körper sofort auf, bis er die Form eines Luftballons erlangte. Dann zerriss ein nicht vorhandener Wind sein Hemd sowie seine Hose, und die Haut auf Kous Körper fing an, sich zu pellen. Anschließend fiel sein Fleisch von den Knochen ab und nachdem dieses Schauspiel vorbei war, drehte er sich endlich zu Tedd um. Tedd schrie im Schock auf, denn nur ein Skelett blieb von Kou übrig.
     'Es tut mir leid', sagte das Skelett mit Kous Stimme. 'Nie hat mir etwas so leidgetan.. Ich bin nicht schön und ich passe nicht zu dir.. Es tut mir leid, dass ich dich nicht glücklich machen kann..'


     'Nein! Nein!! Nein!!' Tedd fing erneut an, zu rennen und das Skelett zu erreichen. 'Du bist das Schönste, das es auf der Welt für mich gibt! Bitte, komm zurück zu mir! Ich werde niemals wieder sagen, dass du fett oder hässlich bist!! Ich werde mich niemals wieder mit dir streiten! Ich werde dich nie mehr anschreien! Ich werde dir nie etwas vorwerfen!! Ich liebe dich! Ich liebe - '
     'Ich liebe dich auch', sagte das Skelett und zwei große Tränen kullerten aus den schwarzen Höhlen, in denen früher warme, karamellfarbene Augen zu finden waren. 'Ich liebe dich und ich bereue es.. weil ich dich dadurch unglücklich mache..'
     'Nein, du Blödmann! Ich -'
     Aber Kous Skelett fiel nach seinen letzten Worten zu Staub.


     Tedd fuhr mit einem Ruck aus dem Schlaf hoch, verschwitzt und nach Luft schnappend. Das war nur einer von vielen Horrorträumen, die ihn seit dem Augenblick, als er ohnmächtig geworden war, heimsuchten.

 

 

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     Das Licht der Deckenleuchte war unangenehm hell. Tedd blinzelte und es dauerte eine Weile, bis er anfing, die Umgebung um sich herum wahrzunehmen. Der Raum, in dem er sich befand, war weiß gestrichen. Er lag in einem Krankenbett. In der Luft mischten sich unangenehme sterile Gerüche eines Krankenhauses mit mehreren süßen Düften, die Tedd erst zuordnen konnte, als er den Kopf drehte und ein Meer aus verschiedenen Blumensträußen in der hinteren Ecke seines Zimmers entdeckte. Rosen, Lilien, Tulpen, Amaryllis, Calas und wie sie alle hießen, hatte man in unzählige Vasen gesteckt und sie so gedreht, dass sie alle Tedd anlächelten, wenn er zu ihnen blickte.
     Aber Freude war in dem Moment ein Fremdwort für Tedd. Er atmete immer noch schwer und schnell. Der Albtraum, der ihn wach gerissen hatte, hinterließ bei ihm die Auswirkungen seiner Grausamkeit. Kou war der Einzige, der seine Albträume verjagen konnte.. aber -
     "Tedd! Endlich!!" Selma beugte sich über ihn und streichelte - sichtlich erleichtert - seine Stirn. "Du bist ja schon wieder schweißgebadet! Wovon hast du denn die ganze Zeit geträumt?.. Katie, ruf einen Arzt! Ja, du kannst gleich mit ihm reden, ruf zuerst den Arzt! Und sag Norio Bescheid, er wollte sich vorhin einen weiteren Kaffee holen! Ich werde - "
     Tedd hörte nur mit halbem Ohr hin. Katie war also auch da.. Sein Kopf war teilweise noch benebelt, als er sich darauf zu konzentrieren versuchte, seine Glieder zu bewegen. "Tedd, bleib bitte liegen!" Selma klang nun sehr besorgt.


     "Was.. ist passiert?", fragte er langsam. Sein Mund fühlte sich sehr trocken an. Selma merkte das und half ihm, einen Schluck Wasser zu trinken. Danach setzte sie sich wieder auf den Stuhl, auf dem sie vorhin verweilte.
     "Wir reden später darüber, Tedd. Du solltest dich im Augenblick nicht aufregen. Der Arzt wird bald hier sein und -"
     Tedd unterbrach sie. "Wo ist Kou?"
     Es muss nur ein Traum gewesen sein.  Ein böser, gemeiner Traum. Kou ist nicht tot, er kann doch nicht tot sein!!.. Er wollte doch hundert Jahre mit mir verbringen!! Hundert und kein Jahr weniger!!.. Aber wieso.. liege ich überhaupt in einem Krankenhaus?, wunderte sich Tedd im Nachhinein.
     All die Erinnerungen kamen wieder hoch.. der Mann auf der Straße, der unter einem Auto starb, Schokolade unter Tedds Füßen, der Streit mit Kou, das zerrissene Armband, der stechende Schmerz in der Brust, der nicht weg wollte (und immer noch da war) und dann die Dunkelheit, die in einen Traum übergewachsen war.. Tedd schluckte und fragte erneut nach Kou.
     "Es tut mir leid, Tedd", antwortete Selma. "Kou ist nicht mehr hier.. Er.."


     Mehr hörte er nicht. Selma konnte es nicht deutlicher sagen.. Tedd seufzte, denn das war alles, was er im Moment machen konnte.. Die Schuldgefühle übermannten ihn. Er war schuld! ER hatte Kou in den Tod geschickt! Er hatte ihm befohlen, nicht mehr zurück zu kehren und Kou hatte gehorcht!! Und nun.. war er nicht mehr da.. Der Schmerz in Tedds Brust breitete sich weiterhin aus und hinderte ihn daran, zu atmen. Tränen schossen aus seinen Augen und er verkrampfte sich im Bett. Er hörte nicht, was Selma zu ihm sagte, ihm wurde wieder nur schwarz vor Augen. Das Bild des toten Mannes in seiner roten Jacke, der auf dem Boden vor einem Auto lag, wuchs erneut in Kous Leichnam über und diese Todeserscheinung war mehr, als Tedd im Wachzustand ertragen konnte. Er kam erst zu sich, als ein Arzt, der in der Zwischenzeit im Raum erschienen war, ihm eine Spritze gab, die ihn beruhigen sollte.
     "Ich verstehe nicht, wieso er erneut diesen Anfall hatte", hörte er den Arzt reden. "Das ist äußerst beunruhigend.. Vielleicht sollten Sie lieber gehen und erst morgen wieder kommen." Der Vorschlag galt offensichtlich Selma und Katie, die neben Tedds Bett standen und abwechselnd seine Hand streichelten.
     "Ich gehe nirgendwo hin", meinte Selma. "Was ist, wenn wieder so ein Anfall kommt? Sie haben doch selbst gesagt, dass er - " Sie hielt inne, aber Tedd wusste, was sie sagen wollte.

;____; armer Teddy..
;____; armer Teddy..

 

     Er versuchte wegzusterben.


     Ohne Kou.. hatte sein Leben einfach keinen Sinn..
    "Lasst mich", hörte Tedd sich selbst, "lasst mich bitte.. gehen.. ich will nicht.." ohne ihn leben..


     "Schlag dir das bloß wieder aus dem Kopf!"
     Norio stand jetzt auch noch im Zimmer und seine kräftige Stimme brachte auf seltsame Weise wieder Leben in den tristen Raum. Tedd schenkte ihm einen müden Blick. Der Imperator sah sehr erschöpft aus, er hatte Kreise unter den Augen, sein Hemd war zerknittert und lose. Er sah aus, als hätte er die letzte Nacht nicht geschlafen und Tedd fragte sich heimlich selbst, wie lange er bereits im Krankenhaus lag.
     "Weißt du eigentlich, welche Sorgen du uns gemacht hast?" Norios Stimme klang zwar streng und teilweise sogar wütend, aber seine Augen strahlten ähnliche Erleichterung über Tedds Wachzustand aus, wie die von Selma und Katie, die Tedds Hand immer noch nicht loslassen wollten. "Zwei Tage bewohnen wir schon dieses bescheuerte Krankenhaus!" Norio machte eine ablässige Handbewegung, als wollte er das Gebäude, in dem Krankheit und Tod Hand in Hand gingen, in die Luft jagen.


     Tedd wunderte sich zwar, dass er zwei lange Tage ohnmächtig gewesen sein sollte, behielt es aber für sich. Er hatte ohnehin keine Lust zu reden. Mit keinem, nicht einmal mit Norio. Jeder im Raum sagte etwas zu ihm, aber er hörte nicht zu. Er antwortete auf keine der Fragen wie er sich denn fühlte, ob er Hunger oder Schmerzen hätte, ob er sich auf etwas erinnerte, wie er sich nun fühlte (ja, die Frage kam öfters), oder ob er wirklich lieber allein bleiben wollte.. Er erfuhr jedoch, dass er tatsächlich vor zwei Tagen auf der Straße kollabiert war und ins Krankenhaus gebracht wurde, von wo aus man alle anderen allarmiert hatte. Die Blumen in der Ecke waren größtenteils von seinen Fans, denn die Nachricht, er läge ohnmächtig im Krankenhaus, hatte sich längst im Internet ausgebreitet. Ein Tedd-Jigsaw-Fanclub hatte dann sogar extra einen Blog eingerichtet, in dem Tedds Fans Genesungswünsche für ihn posten konnten.
     Das alles war Tedd immer noch egal. Die Beruhigungsspritze lähmte seine Sinne und er wollte wieder nur schlafen.. diesmal vielleicht wirklich für immer, auch wenn er befürchtete, dass er bald wieder aufwachen würde.. Aber er wollte doch nur zu Kou.. mit ihm zusammen sein.. und dieselbe Luft atmen wie er (oder was auch immer Seelen nach dem Tod gemeinsam tun)..


     Ob er wohl auch einen weißen Anzug nach dem Tod tragen würde? Kou trug nämlich so einen. Tedd hatte soeben zur Tür hingeschaut. Kous Geist stand dort, in weiß gekleidet und sah ihn etwas überrascht an. Sicher konnte er es nicht glauben, dass Tedd ihn sehen konnte.. und Tedd war genauso überrascht.. aber zu gedopt, um sich weitere Gedanken darüber zu machen. Vielleicht war es der Zustand, in dem er sich befand.. und vielleicht hatte er sich den Geist von Kou sogar eingebildet.. aber nein, er war da, der Geist betrat den Raum und näherte sich Tedds Bett. Tedd biss sich in die Unterlippe. War Kou gekommen, um sich endgültig von ihm zu verabschieden? Wenn ja, dann würde er alles Erdenkliche tun, um ihn so lange wie möglich aufzuhalten. Auf der anderen Seite würden sie sowieso nicht lange getrennt bleiben. Wenn der Wunsch nach dem Tod größer ist, als nach dem Leben, kann man einen Menschen nicht daran hindern, zu sterben.. er findet seinen Weg..
     So hatte Tedd es gehört. Und so fühlte er sich jetzt. Bereit zu sterben, um gemeinsam mit Kou in der Ewigkeit verschwinden zu können. Er lächelte den Geist in weiß an und wie durch ein Wunder hatte er genug Kraft, die Hand nach ihm auszustrecken. Kous Geist lächelte ihn zurück an und schwebte näher an ihn heran.

 

     "Nimm mich mit", bat Tedd ihn. "Lass mich hier nicht zurück." Auch wenn es für die anderen wohl komisch wirkte, dass er mit einem unsichtbaren Geist sprach, setzte er fort und wiederholte die Worte, die er zu Kou in seinem Traum sagte. "Ich werde dich nie wieder anschreien. Ich werde mich nie wieder mit dir streiten! Wir werden nur noch friedlich miteinander leben!" Oder schweben.. Was auch immer..


     Kous Geist nickte, wohl um ihm zu zeigen, dass er derselben Meinung war und er wollte etwas antworten, aber Norio kam ihm zuvor. "Es wäre wirklich endlich an der Zeit, praktisch zu denken und nur Vorsätze zu planen, die man einhalten kann", meinte er wieder etwas streng.


     "Hör nicht auf ihn", sagte Tedd zu Kous Geist. "Er meint es nicht böse."
     "Ich weiß", sagte Kous Geist.


     Und dann geschah etwas Unheimliches.


     Norio schlug Kous Geist auf die Schulter und sagte zu ihm: "Ich meine es böse. Ich meine es ganz ernst, Kou."
     Und Kous Geist sah ihn traurig an und sagte auch zu Norio: "Ich weiß."

hehe
hehe

 

     Tedd setzte sich augenblicklich hin, als hätte ihm jemand eine Extraspritze Koffein ins Gehirn gejagt. "Du.. du kannst ihn sehen?", fragte er Norio.


     Der schien noch verwirrter zu sein als Tedd selbst. "Was meinst du?"
     "Ich m-meine.. Kou..", stotterte Tedd und überlegte gleichzeitig, ob er bereits eingeschlafen war, oder ob er sich diese ganze Szene, seine Freunde und Kous Erscheinung im Raum nur eingebildet hatte. "Seinen Geist.. Du.. kannst ihn auch sehen?"
     Die Antwort auf seine Frage bestand aus einem seltsamen Schweigen und überraschten Blicken, die Selma, Katie, Norio und Kous Geist unter sich austauschten.


     "Kou, hast du eine Ahnung, was er da redet?" Selma meldete sich schließlich zu Wort. Tedd sah deutlich, dass sie Kous Geist dabei direkt in die Augen sah und dass dieser daraufhin den Kopf schüttelte.
     Selma konnte seinen Geist also auch sehen? Tedd verstand die Welt nicht mehr. Er hatte ganz selbstverständlich angenommen, dass der Geist eines verstorbenen Mannes sich nur einer einzigen Person zeigen würde, der Person, die er liebte - IHM! Aber wenn er von mehreren Leuten gesehen werden konnte, dann war er..


     .. nicht tot!


     Nach einer weiteren Minute, in der er ganz genau den Mann in weiß vor sich musterte, merkte Tedd, dass er tatsächlich Kou vor sich hatte und dass dieser Kou immer noch aus Fleisch und Blut bestand und weder tot, noch ein Geist zu sein schien. Kous weißer Anzug, den Tedd vorhin für das Gewand eines Geistes hielt, war - aus der Nähe gesehen - lediglich ein weißer, zerknitterter Pullover, den Kou ganz locker über einer beigefarbener Hose trug, derselben Hose, die er am Tag ihres letzten Streits an hatte. (Seltsam, dass Tedd sich sofort daran erinnerte!) Der Blick seiner karamellbraunen Augen war so warm wie immer und die Hand, die soeben Tedds Stirn berührte, um zu prüfen, ob er vielleicht Fieber hätte, war so real, dass Tedd vor Überraschung zusammenzuckte. Kou war nicht tot, er war.. hier! Er war am Leben.. und Tedd verstand rein gar nichts mehr..


     "Du.. bist kein.. Geist?", stotterte er vorsichtig heraus . Er konnte es immer noch nicht glauben.. Und er wusste nicht, was realer war. Seine Träume oder das hier?

 

 

     Kou strich ihm über die Wange. "Noch nicht. Aber beinahe wäre ich vor Sorge um dich zu einem geworden! Was hast du nur - ? "


     "Ich dachte.. du wärst.. tot!" Tedd unterbrach ihn hastig und nachdem er selbst Kous Hand anfassen durfte, womit er endgültig in der Realität angekommen war, sprudelten die Worte aus ihm heraus wie ein Wasserfall: "Ichdachteduwärsttot!! IchhabdichaufdemBodenliegengesehen! Schokoladewarda! UndduhattestdeineroteJackean! DIEroteJacke! UndderMannhatgesagtdassdu..! Dasser..!" Er erzählte alles, was er in dem Moment empfand, als er gedacht hatte, dass Kou gestorben wäre und Kous Augen weiteten sich bei jedem Satz mehr, immer weiter, bis er irgendwann ins Wanken geriet und sich am Bett festhalten musste, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.


     "Bist du noch ganz dicht?", schrie er Tedd an und bemühte sich dabei, wütend zu klingen. Er unterbrach somit die Schilderung von Tedds Albtraum, sowie seine Erklärung, dass er ohne Kou nicht weiter leben wollte. Nur am Zittern seiner Hände konnte man Kou ansehen, wie bestürzt und schockiert er darüber war, was Tedds Emotionen mit Tedd selbst angestellt hatten. Wollte er etwa wirklich sterben, weil er gedacht hatte, Kou wäre tot? "Hast du eine Ahnung, was ich durchgemacht habe, seit ich einen Anruf von Selma bekam, dass du im Krankenhaus auf dem OP-Tisch liegst?"
     Tedd runzelte die Stirn. Nun verstand er gar nichts mehr. Wieso denn OP-Tisch? Er wurde doch nur.. bewusstlos.. oder? Er beschäftigte sich aber nicht lange damit, sondern blickte vorwurfsvoll zu Selma: "Wieso.. hast du vorhin gemeint, Kou wäre nicht mehr da?" Er musste das fragen. Es kam ihm verdächtig vor, dass er solches Glück gehabt hatte und dass Kou am Leben war, wo seine Träume ihm etwas ganz anderes vermittelt hatten.


     "Weil er nicht mehr da war", antwortete sie. "Er saß zwei Tage lang hier an deinem Bett und bewegte sich nicht von der Stelle. Vor zehn Minuten zerrten wir ihn aus diesem Zimmer heraus und zwangen ihn endlich dazu, nach Hause zu gehen, um sich etwas auszuruhen, da der Arzt meinte, du wärst außer Gefahr. Er wollte dir ein paar Sachen vorbei bringen.. Dann bist du aufgewacht. Ich hab dir aber auch gesagt, ich würde ihm sofort eine SMS schreiben, dass du wach geworden bist, hast du das etwa überhört? Er ist sofort zurück gekehrt als er sie bekommen hat."
     Ja, das hatte Tedd tatsächlich nicht mehr mitbekommen, weil er abgeschaltet hatte.. Kou war also die ganze Zeit an seinem Bett? Er war wirklich nicht tot? War es etwa seine wirkliche Stimme, die er im Traum gehört hatte? Die Stimme, die ihm verboten hatte zu gehen? Kou kann doch unmöglich gewusst haben, woran Tedd gedacht hatte!
     "Ich ging die ganze Zeit davon aus, dass du einen Unfall hattest!", sagte Kou und seine Stimme versagte mitten im Satz, als ihm klar wurde, dass er und Tedd gleiche Sorgen und Gedanken geteilt hatten. "Und du.. Das ist doch.. Das ist doch total verrückt! Wie bist du denn darauf gekommen, dass ich der Mann auf der Straße war? Bin ich etwa der einzige Mann in der Stadt, der eine rote Jacke besitzt?"


     "Nein!", sagte Tedd, dem plötzlich einleuchtete, wie schnell er beim Anblick des toten Mannes mit der roten Jacke überreagiert hatte und dass es dumm war, voreilige Schlüsse zu ziehen, ohne sich von der Identität des Mannes überzeugt zu haben. "Aber du warst so lange weg! Ich hatte Angst, dass dir etwas passiert war und ich ging dich suchen und dann hab ich den Mann in der roten Jacke gesehen  - du hattest doch genau so eine rote Jacke an! - und es lagen auch noch überall Schokoladenkuchen.. und was weiß ich was für Schokoladenteile und Figuren auf dem Boden herum, die du für mich holen wolltest.. und all das war aus dem Mon-Amour-Laden! Ich habe.. dabei irgendwie ganz natürlich dich vor den Augen gehabt! Und bin dann.. wohl ohnmächtig geworden.. bevor ich überhaupt nachschauen konnte, ob - "


     "Kuchen und Figuren? Aber du wolltest doch nur Pralinen!" Kou seufzte, als er merkte, dass Tedd dieses Detail entgangen war. Angesichts des Schocks, den Tedd erlitten haben musste, als er ihn mit einem anderen Mann verwechselt hatte, war es wohl nur ein belangloses Detail, genau wie die Tatsache, dass seine Jacke dunkelrot war, beinahe schon bordeaux, und nicht grellrot, wie Tedd sie in seinen Erinnerungen beschrieben hatte. Zu der Uhrzeit, als Tedd diese unglückliche Verwechslung gemacht hatte, war es bereits dunkel und es schien verständlich, dass er nicht alles klar und deutlich sehen konnte. "Als ich draußen vor dem Haus war, merkte ich, dass ich meine Autoschlüssel und mein Handy vergessen hatte und in der Konditorei kam ich völlig durchnässt an. Ich habe dort gewartet, bis der Regen vorbei war; dass es über eine Stunde dauern würde, hätte ich auch nicht gedacht!", erklärte Kou und schimpfte heimlich mit sich selbst, dass er kein Taxi genommen hatte. "Als ich dann nach Hause kam, warst du weg, alles war verwüstet, dein Armband lag kaputt auf dem Boden; ich dachte, ein Einbrecher wäre da gewesen.. und du warst weg!! Weißt du, was für ein Schock es für mich war? Und dann bekam ich auch noch den Anruf von Selma, du wärst im Krankenhaus!"    


     Tedds Augen füllten sich mit Tränen. "Es tut mir leid.. Ich dachte wirklich, du wärst.. tot.. Ich bin so doof!.. Es tut mir leid, dass ich.. umgekippt bin!.. Dass ich dir.. dadurch.. solche Sorgen gemacht habe!!" Seine Hand tastete ängstlich nach Kou. "Ich sah dich da liegen und konnte einfach nichts machen.. ich konnte nicht atmen, ich konnte nicht einmal einen einzigen Schritt nach vorne machen! Und als ich dachte, ich hätte dich für immer verloren, wollte ich.. selbst nicht mehr leben!.."
     "So ein Idiot", sagte Kou leise. "So ein.. Idiot!", wiederholte er und auch er hatte Tränen in seinen müden Augen, die seit zwei Tagen und Nächten über Tedd und seinen Zustand gewacht hatten.


     Dann schloss er Tedd endlich in seine Arme und weinte an seiner Schulter.

 

    So fest wie jetzt hatte er ihn noch nie vorher umarmt, als wollte er mit ihm auf der Stelle verschmelzen, um dem geliebten Körper, der auf seiner Brust zitterte, die gesamte Kraft seiner selbst zu schenken. Dieser Wunsch wurzelte schon seit sehr langer Zeit in der Tiefe seiner Seele, jedoch musste er in den vergangenen zwei Tagen, an denen er an die Grenzen der Verzweiflung gestoßen war, einsehen, wie lächerlich und unrealistisch solche edlen Ziele in Wirklichkeit waren. Als er an Tedds Krankenbett sitzen und seinen erschöpften Körper beobachten musste, der an der Schwelle des Schattenreiches taumelte, konnte er rein gar nichts für ihn tun. Er war an dem Punkt gelangt, an dem Märchen und gut gemeinte Geschichten aufhören und die Realität anfängt. Tedd hatte versucht, zu sterben.. und er musste dabei zusehen. Er wusste nicht, wieso Tedd nicht um sein Leben kämpfen wollte.. und das einzige, woran er denken konnte, war der Streit, in dem sie auseinandergegangen waren.


     In diesem Augenblick der unmittelbaren Tragik und der Aussicht auf ein trauriges Ende seiner Beziehung mit Tedd.. mit Dominik.. wie immer er auch heißen wollte (es war auch egal, Kou liebte sie beide), wurde ihm einmal mehr klar, was er alles falsch machte und wie sehr er sein Leben, sowie das von Tedd, kaputt machte, indem er sich von so vielen äußeren Umständen einschüchtern ließ. Die Zeit, die sie beide hatten, war zu wertvoll.. und er vergeudete sie.. So viele glückliche Minuten.. Tage.. Wochen.. waren für immer und ewig verloren. Nur leere Wünsche blieben übrig.. Die Vorstellung einer glücklichen Zukunft mit Tedd, die er so anstrebte, hatte Kou blind gemacht und erst in den vergangenen Stunden verstand er endlich, dass diese Zukunft nicht möglich war.. Nicht solange er.. und vor allem Tedd.. immer noch in einem Käfig eingesperrt waren. Er hatte sich selbst solche Gitter erbaut, die Vorurteile, Hass, Missverständnisse und Verachtung abwehren und von ihm fernhalten sollten, aber nachdem er auch Tedd zu sich in den Käfig hinein zog, war der Käfig voll. Es fehlte der Platz, in dem sich ihre Liebe entfalten und reifen könnte, der Käfig engte sie ein und verschlang jegliches Glück, sobald es irgendwo zwischen den Gittern entstand.. All das fütterte die bösen Stimmen draußen vor dem Käfig.. und in dem Moment der Trennung, die sie beide unvorbereitet erwischt hatte, konnte Kou nicht in eine wirklich glückliche Vergangenheit mit Tedd zurückblicken, weder er, noch Tedd konnte das.. denn alles, was sie sahen - oder hörten - waren nur die bösen Stimmen.
     Das war nicht das, was Kou wollte. Das war nicht das, was er anstrebte..

 

     Tedd stöhnte leise und Kou lockerte seine Umarmung. Seine Gedanken hatten die Kontrolle über seinen Körper gewonnen. Er erinnerte sich daran, dass Tedd noch zu schwach war, und dass er nur vorsichtig mit ihm umgehen musste. Er nahm Tedds blasses Gesicht in die Hände und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. Auch ein Kuss war eine Art von Verschmelzung. Niemals wieder würde er erlauben, dass sie nachlässt! Kou küsste die Tränen von Tedds Lippen und Wangen weg, dann setzte er sich zu ihm aufs Bett, und behielt ihn noch lange Minuten an seiner Brust.


     Tedds Herz schlug. Es schlug wieder fest und sicher und Kou hörte ganz genau hin. Solange er Tedds Herzschlag hörte, war Kous Welt wieder in Ordnung.


     Tedd durfte aber auf keinen Fall erfahren, dass diese Welt vor zwei Tagen beinahe unterging.

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